zu fuß im see

Vor zweihundert Jahren sollen sie mit dem Ochsenkarren durch den See gefahren sein, sagt die Legende; mit Pferdewagen vielleicht, – vor zweihundert Jahren gab es eine Furt quer durch den See;
östlich 8 Meter Wassertiefe, westlich 6: Dazwischen eine Schwelle zwischen zwei glazialen Becken. Eine Furt, auf keiner Landkarte eingezeichnet, trotzdem in allen Köpfen im Dorf noch heute eine Tatsache. Nur: Nie wieder gefunden, nie ausprobiert, – und eine Fahrrinne geht mitten durch für den Ausflugsdampfer, den „Sonnenschein”.

Was wünscht man sich, wenn man 54 wird? Dass die drei Söhne rauskommen aufs Land, Söhne mit Freischwimmer, abenteuerlustige Söhne mit Kondition und Traute. Badeschuhe an den Füßen, einen Messstab dabei, bunte Schwimmringe, damit die Scheiß Motorboote uns sehen. Und, Geburtstagswunsch: dass wir zusammen den Weg durch den See suchen. Uns über Landkarten beugen, eine alte handgezeichnete, eine von 1985 von der NVA: Wassertiefen als dünne Ringe. Flaches Wasser, tiefe Becken, – eine Furt? Mindestens ein schmaler Streifen, der das Ausprobieren lohnen könnte.

Muscheln unter den Füßen, Schlingpflanzen im pullerwarmen Wasser. Bremsen und Mücken. Die Fahrrinne: Tief, aber kein Grund zum Schwimmen. Kühler das Wasser hier jetzt. Rote Boje, grüne Boje. Motorboote mit staunender Besatzung: Es sind Fußgänger im See, vier Mann, die rüberlaufen, mitten durch den See, dort, wo sonst nur Boote fahren – und vielleicht, nein: sicherlich: vor zweihundert Jahren Ochsenkarren. Vielleicht Pferdewagen.