white light / white heat

Vormittags kam der warnende Anruf. Candy sagte, X sei alles andere als erfreut über mein geplantes Auftauchen. Wahrscheinlich wäre es für meine Gesundheit äußerst ungünstig, heute abend beim „Velvet Underground”-Konzert die Abendkasse einzusacken.

Candy beschrieb ein paar eklige Details vorstellbarer gesundheitlicher Folgen; nichts davon klang wirklich erstrebenswert. „Shiny Shiny”, sagte Candy. Ich legte auf. „Recht zu haben ist einfach, Recht durchzusetzen ist das Problem”, weiß eine Binsenweisheit. Gegen einen Hünen wie X., einen ehemaligen Football-Nationalspieler, eine Hand wie eine Rohrzange, war unser Pfändungsbeschluss wenig wert, wenn der Mann nicht mitspielen wollte.

Ach was, im Grunde war auch X. ein guter Mensch, ich war überzeugt davon. Man musste ihn nur daran hindern, sich an einem ins Unglück zu stürzen. Ich trommelte ein paar Jungs zusammen; große nette Kerle, die sich über die spendierte Eintrittskarte freuten und versprachen, gut auf mich aufzupassen, wenn ich erst mal drin war. Da lag das Problem; die Typen an den Kassen würden mich gar nicht erst reinlassen, damit ich ihnen den Arbeitslohn nicht wegpfänden konnte. Ich war der Bursche, der ihrem Boss den Kachelofen vor die Wohnungstür gestellt hatte („X, der Ofen ist aus!”); ich war Schuld daran, dass X’s Telefon seit Wochen blockiert war, weil begeisterte Anrufer seinen Porsche zum Schnäppchenpreis kaufen wollten, den ich im Gebrauchtwagenmarkt inseriert hatte. X hatte wenig Grund, sich über mein Auftauchen zu freuen, und er schärfte allen ein, mich abzufangen, um jeden Preis. Doch Candy stand als Journalistin auf der Presseliste und schickte mich mit einem falschen Namen hin. Bis zum Konzert waren es noch ein paar Stunden, aber Reed und Cale gaben den Tag über Interviews, die Presse kam rein – durch einen eigenen Eingang des Konzertmanagements, das nicht wusste, wer ich war und was ich wollte.

Nachmittags gegen vier, 20. Juni 1993. Die Halle war leer. Auf der Bühne hatten die Roadies die Instrumente aufgebaut. Neunzig Meter entfernt, auf der Galerie, standen Lou Reed und ich. Reed machte Soundcheck, hochkonzentriert; die alte Kühlschrankfabrik hatte auch akustisch ihre Tücken.
Ich selbst war immer John-Cale-Fan gewesen und bin es heute noch; Reeds Instrumentenfetischismus, das Inszenieren absichtlicher Unsauberkeiten der neueren Aufnahmen waren mir auf die Nerven gegangen. Aber hier, in der weiß flirrenden Junisonne, begriff ich das Handwerkliche dieser Arbeit, die Sorgfalt. Reed legte die Stirn in Dackelfalten und arbeitete. Nicht erst in der Hitze der Nacht auf der Bühne, sondern jetzt und hier. Dabei zu sein war ein Geschenk – und auch X zeigte sich von der verträglichen Seite, und wir schleppten abends zwei Eimer Geld raus, acht Riesen in verschwitzten, bierstinkenden Münzen. Es war ein perfect day in Berlin.