watchtower

Im Herbst 1970 war der Sand nass. Nass, kalt und klebrig – wie zusammengekittet mit einem weißlichen Schmier aus Mövenschiss, Quallenglibber und den zermahlenen Muscheln, mit deren weißen Girlanden die Ostsee großzügig den Strand signierte.

Mein Bruder und ich fanden es unerträglich, hier sein zu müssen. Fehmarn im Sommer war langweilig genug – eine abwechslungslose, sonnenverbrannte Ebene aus Weizenfeldern, distelgesäumten Wegen und schmalen Stränden –, aber jetzt, im aufziehenden Herbst, war uns das Meer viel zu kalt, und der scharfe Wind blies Sand auf die belegten Brote, die meine Mutter aus der Strandtasche holte. Also verschanzten wir uns in der Sandburg, die unser Vater aus dem klammen Matsch geschaufelt hatte, und spähten misstrauisch von den Wachtürmen an den Ecken über den schmalen, graugelben Streifen Sand, der immer mehr von einer hochbrodelnden See überspült wurde.

Im Grunde war das miese Wetter meiner Stimmung angemessen; die späten Sommerferien gingen zuende; morgen würden wir in den Zug ins Sauerland steigen, übermorgen fing die Schule an: Das ging mir zu schnell alles. Das kam zu plötzlich. Zu Beginn waren die Sommerferien immer unübersehbar lang: Mit elf Jahren waren sechs Wochen Ferien, ich hatte es ausgerechnet, mehr als ein ganzes Prozent des eigenen Lebens. Aber trotzdem waren sie irgendwann vorbei, und die sichere Trägkeit der vertrödelten Zeit wich einer aufkommenden Panik, einem Gefühl, dass etwas für immer zuende ging.

Das Wetter – Sturmwolken und Regenschauer, die uns immer wieder in den zu engen, seltsam riechenden Strandkorb trieben – war passend für dieses Gefühl eines Zeitenendes, und auch sonst war die öde Ostseeinsel anders als in den Sommern davor. „Die Rocker“, „die Gammler“, „die Hippies“ hatten die Insel heimgesucht, und die halb abschätzigen, halb beunruhigten Begriffe klangen so, als würde eine feindliche Armee beschrieben, die gerade einmarschierte. Rocker hatte ich tatsächlich zwei gesehen; vollbärtige Hells Angels auf ihren martialisch geschmückten Motorrädern, die nebeneinander die kleine Niendorfer Straße in Burg hinuntergerollt waren. Fast zweihundert von ihnen sollten die Insel geflutet und die Tankstelle an der Fehmarnsundbrücke genötigt haben, ihre schweren Maschinen gratis vollzutanken. Dann hatten sie die persischen Studenten zusammengeschlagen, die beim „Love & Peace-Festival“ am Flügger Leuchturm als Ordner eingesetzt worden waren, und selbst die Kontrolle über die Eingänge zur großen Wiese übernommen, auf der rund 40.000 Menschen in peitschendem Regen und versagender Technik auf ein paar große Namen der Rockmusik warteten, auf Jimi Hendrix und ein paar weitere Helden aus Woodstock, wo letztes Jahr das Aquarius-Zeitalter ausgerufen worden war, ein Sommer voller Peace, Love & Music, den sich die überforderten Veranstalter auf Fehmarn offenbar zum Vorbild genommen hatte.

Ich war elf, ich wusste das alles nicht. Meine Kindheit war in geordneten Bahnen verlaufen, und meine Eltern waren zehn Jahre älter als Jimi; sie spielten Fiedel und Laientheater und setzten keine Fender Stratocaster in Brand. Ich lebte in einer überschaubaren Welt, in der Rocker und Hippies allenfalls im Fernsehen vorkam, wo meine Großmutter schimpfend den berittenen Berliner Polizisten applaudierte, die demonstrierende Studenten mit dem Schlagstock vor sich her trieben.

Nachmittags hatte sich der Strand zusehends geleert; Papa schlief, erschöpft vom Sandburgbau, noch immer, und Mamas Haare wurden vom Wind zerzaust, während sie in einen Bücherclub-Auswahlband versunken war. Mein Wachturm trotzte dem Wetter; ein Mövengeschoss hatte ihm einen grauweißen Strich quer über die Seeseite gezogen, aber der nasse Sand hielt.

Oben am Dünenrand hatte ein Auto gehalten, irgend ein bemaltes Ding, 2CV, R4, ein Käfer vielleicht. Man durfte da nicht autofahren; die Seegrasanpflanzungen waren empfindlich, aber das schien dem kreischenden Volk, das lachend aus dem Wagen kletterte, nicht bewusst zu sein. Der Lärm weckte meinen Vater, der schläfrig den Kopf drehte. Oben hatte jetzt eine einzelne Frau den Pulk verlassen, die erst lachend und ein bisschen zickzack, dann geradeaus und sehr aufrecht Richtung Wasser lief, direkt an unserer Sandburg vorbei.

Von meinem Wachturm aus kam sie mir ungewöhnlich groß vor; eine große, sehr schlanke, blonde Frau mit langen Haaren, – barfuß und in eine enganliegende Jeans und Jeansjacke gekleidet. Oben vom Auto wurde ihr etwas hinterhergerufen, und sie wendete den Kopf, antwortete aber nicht. Stattdessen lief sie jetzt ohne Zögern über die scharfkantigen Muschelreste in den wasserüberspülten Ufersand, der sich unter ihren schlanken, sonnengebräunten Füßen glänzend wölbte wie Puddinghaut.
Dann war sie im Wasser, bis zu den Knien, zur Hüfte erst. Dann ganz.

„Hippies“; mit einem einzigen Wort quittierte mein Vater das, was er sah, als könnte dieses eine Wort alle Ungereimtheiten der sichtbaren Welt begründen und erklären. Ich dagegen war der Frau in Blau fassungslos mit den Augen gefolgt, war halb aufgestanden, als der weiße Schaum der Wellen ihre Taille, dann ihren Hals umspülte, und hatte mich hilfesuchend umgesehen, um mich zu vergewissern, ob auch Andere Zeugen dieses unerklärlichen, spektakulärem Ereignisses geworden waren.

Eine Frau in Jeansanzug war ins Wasser gegangen. Ich hatte es gesehen. Dass neugekaufte Jeans damals noch bretthart, abfärbend, viel zu dunkel und ungebleicht waren; dass ein Bad im Salzwasser dem störrischen Stoff Geschmeidigkeit verlieh, Benutztheit – oder dass es Menschen gab, die bei kaltem Wetter einfach alle Konventionen bundesdeutscher Badekleidung ignorierten und taten, was sie wollten – dass es überhaupt Menschen gab, die taten, was sie wollten: Das war mir mit elf Jahren nicht klar gewesen. Das zu sehen, öffnete ein Fenster, einen Blick in eine ganz andere Welt, und dieser eine Blick traf mich wie ein Gitarrenriff. All along the watchtower / princes kept the view – als Jimi am Sonntag mit Verspätung endlich auf der Bühne stand, anderthalb delirierende Stunden beim letzten Konzert seines kurzen Lebens, waren wir schon auf der Rückfahrt, hatten die Fehmarnsundbrücke längst passiert. Drüben am Flügger Leuchtturm brannte der Bauwagen der Veranstalter ab, die Rocker jagten der geklauten Tageskasse nach, und Rio Reiser, ein dünner, kleiner Bursche, jubelte „Macht kaputt, was Euch kaputt macht“ ins Mikro. Ich sah nichts davon, und ich hätte es auch nicht verstanden. Doch ich hatte genug gesehen; mir reichte die Kinderportion. Etwas war geschehen im Herzen eines Elfjährigen, etwas war vorbei. Die Sommerferien. Die Kindheit. Alles war möglich.

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