verdammte osttucke

In den bisherigen 54 Lebensjahren habe ich kein Auto gebraucht und keines gefahren; allerdings habe ich mal eins geschenkt bekommen zu Weihnachten: Unseren ersten Firmenwagen, einen zitrusblauen Lada. Die Kiste war der billigste Neuwagen, den man in Westberlin kaufen konnte – keine zehn Riesen inklusive Mehrwertsteuer.

Erstmal sah es unterm Weihnachtsbaum 1988 ziemlich geräumig aus, dann entdeckte ich den blauen Wollfaden mit dem Zettel mit meinem Namen dran. Der Faden führte raus aus der WG-Wohnung in der Fasanenstraße 70, zickzack abwärts durchs Treppenhaus, runter auf die Straße. Gegenüber vor der Villa Griesebach stand das Ding, ein cyanfarbener Lada, hochbeinig, eckig wie ein Kühlschrank, wunderschön. Innen roch es nach archaischem Hartplast, die Scheiben wurden noch von Hand runtergekurbelt, und weil die schwere Karosse keine Servolenkung hatte, konnte ich als Beifahrer mich endlich nützlich machen und beim Kurvenfahren am Lenkrad zerren. Zu zweit bekamen wir das Ding um jede Ecke.
Dann fiel die Mauer, und alles wurde anders. Natürlich merkten wir erst nix, dicht auffahren war in Westberlin schon immer Ehrensache gewesen, aber neuerdings kamen die schwarzen Golfs wirklich unverschämt nahe und blinkten und hupten und hätten uns am liebsten rechts auf dem Bürgersteig überholt. Was war da los? Endlich merkten wir, was lief: Die hielten uns für Ossis, und weil Ossis dem Westverkehr nicht gewachsen sein konnten, wurden wir abgestraft, ganz egal wie halsbrecherisch wir durch die Scheißstadt kariolten. Der Gipfel war das Einparken in der Fasanenstraße, denn dass ein knallblauer Lada einem weißen Jaguar den Parkplatz wegschnappte,  war für die selbsternannten Opfer der Einheit nur schwer zu akzeptieren. „Verdammte Ost-Tucke!” hörte Tina sich mehr als einmal an, und dass wir über Kohlhoffs Architekturbüro eine Zehn-Zimmer-Wohnung mit 320 Quadratmetern bewohnten, in der einst Heinrich Hoffmann den Führer fotografiert hatte, das war unten im Straßenkampf keinen Pfifferling wert. Wir waren Ossis, niemand sonst würde einen Lada fahren!
Also wurden wir Ossis ehrenhalber. Zogen aufs Land, mindestens für die Wochenenden. Nach Semlin. Der Lada schien sich außerordentlich zuhause zu fühlen, gleich an einem der ersten Wochenenden gab er den Geist auf und rollte mit letzter Kraft vor den Hof. Unser Glück, denn Nachts kam eine Autodiebebande und klaute, was sich jenseits der Grenze gut reparieren und ersatzteilmäßig versorgen ließ – zum Beispiel Ladas. Sie knackten den Kofferraum, das war leichter als bei den Türen, schnitten die Rückbank raus und kletterten ins Wageninnere, während wir schliefen und von blühenden Landschaften träumten. Nur sprang die Kiste nicht an, so geschickt die Diebe auch beim Kurzschließen oder Überbrücken (oder was immer Autodiebe so tun) auch waren.
Morgens fanden wir unser Auto unversehrt vor dem Hoftor vor. Nur in den Schnee auf der Motorhaube hatte ein Autodiebe wütend ein riesiges Hakenkreuz gemalt, ein Signet, das den eckigen Konturen unseres geliebten Firmenautos irgendwie ähnlich sah und für einen irritierten, verkaterten Augenblick fast harmonisch wirkte.