strehla revisited

Schlichte Keramik, beherzt bemalt: Oft laufe ich an meiner kleinen Sammlung vorbei. Manchmal bleibe ich stehen. Letzte Woche Buchmesse in Leipzig, nebenher ein Besuch im Grassi-Museum. Das Museum für angewandte Kunst ist ein Ort wohlsortierter Originalität; allein die Abteilung für Art Deco und Jugendstil ist das Hinfahren wert. Bis in die Gegenwart zieht sich die pointierte Präsentation hervorhebenswerten Alltagsdesigns; und Ost und West stehen entspannt nebeneinander und lassen ahnen, dass das Gefälle von Idee und Umsetzung zwischen den beiden deutschen Staaten vielleicht gar nicht so groß war, wie man es heute gern rückblickend glauben möchte.

 

Meine Sammlung an DDR-Gebrauchskeramik der 50er und frühen 60er Jahre würde gut ins Grassi passen (meldet Euch, Grassiologinnen!). Denn die rund 100 Objekte der VEB Strehla Keramik zeigen eindrucksvoll, dass Design im Alltag mitunter auch mit ein paar schwungvollen Pinselstrichen wettmachen kann, was an Formenvielfalt aus wirtschaftlichen Gründen nicht verfügbar ist. Die Töpfe, Schalen, Vasen und Krüge basieren auf rund 20 immer gleichen Standardformen, die ohne viel Federlesens als Massenware durch die Öfen geschoben wurden. Die schwungvolle Freihand-Bemalung allerdings setzt Akzente, variiert Themen und schafft den Balanceakt zwischen Pfusch und Geschwindigkeit beeindruckend gut. Vor zehn Jahren begann die Sammelei dieser Objekte auf Ost-Flohmärkten und bei Ebay; heute sind die damalige 1-Euro-Objekte teuer zu bezahlen und kaum noch zu finden: Und eine ganze Produktgruppe verschwindet in der Vergessenheit. Der Blick auf mein Strehla-Regal zeigt überzeugend, dass man das bunte Zeug auch heute noch als gutes Alltagsdesign wertschätzen und vorzeigen kann, finde ich.