runter nach kapstadt

Lorenz ruft an. “Mache hier gerade Soundcheck in Augsburg,
und es wär’ klasse, wenn wir zur Musik was Texte hätten, kannst
Du was schreiben?“ – „Was denn?“ – „Egal. Naja, müssen drei
Kasablanka-Krokodile vorkommen, die ein Kamel mit Palme
als Höcker zum Spiritual Advisor machen im CityClub Afrika.“
’ne Stunde Zeit und reichlich krude Vorgaben: Das wird  ja eine tolle Geschichte.
 „Okay, versprochen.“ Kasablanka? Da bin ich das erste Mal:
Die drei Krokodile aus Kasablanka fuhren runter nach Kapstadt, und obwohl die Straße bergab ging und nur geradeaus führte, wären sie ein paarmal fast im Straßengraben gelandet – wenn es einen Straßengraben gegeben hätte neben der Straße und nicht nur öde, weite Wüste. Der Wüstensand schob sich schmerzhaft unter die Augenlider, und sowieso waren die drei hundsmüde – kein akzeptabler Zustand für Krokodile, die Hunde normalerweise fressen.

Sie waren hundsmüde, weil sie von Katatongo bis hier runter an einem Stück durchgefahren waren, und einen knusprigen Hund oder einen ordentlichen Teller mit Blindschleichen hatten sie schon verdammt lange nicht mehr zu sehen bekommen.

Sie waren down, out und zitterig – und das waren auch ihre Namen. Down und Out stritten sich ununterbrochen; sie gaben sich gegenseitig die Schuld an dieser bescheuerten Tournee-Idee. Kein Mensch wollte noch Kasablanka-Rock hören, und die wenigen Kannibalen, die sonst ziemlich weit vorn gestanden hatten im Publikum, waren auch längst als Boulette in irgendeiner Kunstuni-Mensa gelandet oder konnten sich die kostspieligen Konzertkarten nicht mehr leisten.

Zitterig schnauzte die beiden Kumpels an, sie sollten endlich den Schnabel halten, er müsse sich aufs Autofahren konzentrieren.

Doch im Grunde war er froh über die Streiterei; mehrmals war er schon eingenickt, und der wüstenfarbene Kangoo – alle Autos hier waren wüstenfarben oder wurden es nach kurzer Zeit – war alles, was sie noch hatten. Wenn ihnen die Kiste hier verreckte, waren Down, Out und Zitterig am Arsch, und da wollten sie auf keinen Fall hin.

Zitterig stimmte ein Lied an, um die anderen aufzuheitern; nicht irgend ein Lied, sondern IHR Lied, den Kasablanka-Krokodil-Song.

„Krokodile haben Ziele /// und da kommen sie auch hin /// Sie durchschwimmen viele Nile /// denn sie –“ –
„Halt’s Maul!“ brüllten Down und Out im Chor. Und Down knurrte:

„Deine Texte waren schon immer scheiße, und singen kannst Du auch nicht. Du hast uns hier überhaupt in den Schlamassel gebracht. Kein Mensch will noch Kasablanka-Rock hören, unser Spritgeld ist alle, und Hunger haben wir auch.“

„Ich bin der Bandleader!“ gab Zitterig zurück, doch die anderen lachten nur höhnisch und schwiegen, und da schwieg er auch und konzentrierte sich wieder auf die lange, gerade Straße, auf die man sich eigentlich gar nicht konzentrieren konnte, weil jeder Meter so aussah wie die hunderttausend davor.

Irgendwo zwischen Kilometer Weißnichtwieviel und Kilometer Tausendundnochwas passierte, was passieren musste. Der Sprit war alle. Der Kangoo rollte noch eine ganze Weile geradeaus weiter, weil es nach Kapstadt runter bergab ging. Zitterig bemühte sich, ein Motorgeräusch zu machen, damit Down und Out nicht merkten, was los war. Er hasste die ganze Tournee, er hasste Down und Out, und er hasste sich selbst, weil er im Grunde wirklich schuld an allem war. Nach und nach rollten ihm ein paar große Krokodiltränen über die sandbepulverten Backen, und das Motorgeräusch, das er machte, wurde immer schluchzender, bis sogar Down und Out, die auf der Rückbank des Kangoo vor sich hin dösten, merkten, dass es ein Problem gab.
„Der Motor macht seltsame Geräusche“, meinte Down, und Out richtete sich hungrig in seinem Sitz auf und schlug vor:
„Vielleicht ist ein Marder im Motor – ein kleiner, zarter Delikatess-Marder.“

„Quatsch!“ knurrte Zitterig, und weil er nicht gleichzeitig brummen und schimpfen konnte, brach das Motorgeräusch ab und Down und Out merkten, was los war. Sie waren am Arsch.

Drei Stunden später brannte die Sonne noch immer unbarmherzig vom Himmel. Kasablanka-Krokodilen ist das eigentlich egal, sie graben sich in den Sand und warten tagelang reglos auf Beute. Aber, verdammt, sie HATTEN ja schon tagelang auf Beute gewartet, auch wenn sie dabei Auto gefahren waren. Und während sie an den ersten Tagen noch von Antilopenherden geträumt hatten, die ihnen vor die Räder liefen, waren es bald nur noch Wüstenfüchse, Wüstenhasen und am Ende wenigstens eine einzige, steinalte, ausgetrocknete, faltige Schildkröte, die sie herbeigesehnt hatten – und die trotzdem ausgeblieben war. Jetzt konnten sie kaum noch länger warten; Futter musste her, und zwar krass schnell.

Krokodile sind bekanntlich die einzigen Tiere, die sich selbst in größter Not nicht gegenseitig fressen können, obwohl es afrikanische Schnitzarmbänder gibt, die aus drei Krokodilen bestehen, die sich gegenseitig in den Schwanz beißen und so einen Ring formen – aber das ist gelogene Lügenschnitzerei. Down, Out und Zitterig würden sowas niemals tun, obwohl Zitterig verblüfft feststellte, dass Down und Out eigentlich ganz gut im Futter waren und, wenn man diese stacheligen Rückenschuppen irgendwie abraspelte, vielleicht einen ganz akzeptablen Braten –

wupps, jetzt musste er eingeschlafen sein, hatte er wirklich von Braten geträumt?

Auch die anderen beiden waren im Halbschlaf, und auch ihnen lief das Wasser im Mund zusammen.

So konnte es nicht weiter gehen.

„Männer“, sagte Zitterig, und Down und Out wussten, dass es nun ernst wurde, denn normalerwiese sagte Zitterig „Ihr Deppen“, „Arschgeigen“ und „Mädels“ zu ihnen, aber nie „Männer“.
„Männer“, sagte Zitterig mit müder Stimme, „wir sind am Arsch“. Down und Out widersprachen nicht; sie sahen es genau so.

„Was bleibt uns?“ fragte Zitterig, und mit schwerem Nicken gab er die Antwort gleich selbst.

„Uns bleibt nichts außer – der Musik.“

„Oh nein, Boss“, grunzte Out, und Down war auch nicht angetan von der Idee, jetzt die Instrumente aus dem Kangoo zu holen und loszulegen. Doch Zitterig war unerbittlich. Also holten sie die Instrumente aus dem glühend heißen Kangoo – nur ein Größenwahnsinniger wie Zitterig konnte einen schwarzen Kangoo fahren, und auch wenn die Kiste längst vom Wüstensand wüstensandfarben gefärbt war: Tief innendrin war das Blech schwarz und scheißheiß.

Die Instrumente waren typische Kasablanka-Rock-Instrumente; die Schwanzrassel aus Kannibalenknochen, ein paar Buschtrommeln aus, nein nein, nicht aus Busch, sondern aus Antilopenfell, das noch immer lecker duftete. Zitterig spielte eine winzig kleine Quetschkommode, ein Akkordeon, das übriggeblieben war, als er mal einen brasilianischen Matrosen gefressen hatte in den guten, satten Zeiten, als es noch jeden Tag Nil-Matrosen gab, knusprige Schiffsjungen und eingeborene braune Wäscherinnen, die zu nah ans Ufer gingen und nach Orchideen und Milchreis schmeckten.

„Tumm, tumm, tumm“ machten die Antilopentrommeln, und krrrrcchchchchchch rasselte die Schwanzrassel los. Und Zitterig improvisierte ein schmachtendes Akkordeonsolo, ohne zu singen, ein wehmütiger Wüstensound, der über die verdammte heiße gelbe Einöde wehte und die flimmernde Luft zu Purzelbäumen brachte. Oder waren es gar keine Purzelbäume, sondern ganz andere Bäume, eine einheimischere Baumart, die jetzt schemenhaft am Horizont sichtbar wurde, eine einzelne Palme nämlich – schwankend auf dem Höcker eines schaukelnden Kamels?

„Eine Fata Morgana“, murmelte Zitterig, und Down und Out hatten das Kamel auch entdeckt und leckten sich die rissigen, schartigen Krokodilslippen. Und das seltsame Wesen kam näher, solange sie ihre Musik spielten, und wurde unsichtbar, wenn sie damit aufhörten. Also spielten sie weiter und weiter und weiter, und das Kamel, dem die Palme aus dem Höcker wuchs, wurde größer und klarer und bunter und kam näher.

„Happs“ sagte Zitterig und riss das Maul auf, aber da war das Kamel auch schon wieder verschwunden, und er hatte keine andere Wahl, er musste weiterspielen, und der dämliche Kasablanka-Rock füllte die Wüstenluft mit seinem Gerassel und Getrommle und dem unwüstigen Sound des Akkordeons, das auch drüben in Kasablanka niemand mehr hören wollte.

Jetzt war das Kamel ganz nah an ihnen dran, und es schien zu sprechen. Zitterig versuchte, ganz leise zu spielen, und Down tupfte nur noch ganz behutsam auf die Trommeln, „tubb, tubb, tubb.“ Out ließ es nur sehr leise rasseln, “ssssssssss“.

Das Kamel bewegte die Lippen, eine typisch wiederkäuende Maulbewegung, wie Kamele sie immer machten, und jetzt konnten sie hören, was das Kamel zu ihnen sagte. Es sagte:
„Jungs, das ist ja grässlich, was Ihr da macht, könnt Ihr verdammt nix anderes?“
Das machte Zitterig so wütend, dass er mit dem Akkordeon nach dem Kamel warf, und wupp, war es wieder verschwunden und erschien erst, als sie ihre wimmernde, leise Musik fortsetzten. Und es sprach weiter.
„Ihr braucht ein paar neue Soundideen, Leute. Dringend. Ihr braucht…“
„…einen Manager!“, schlug Out vor, und Zitterig knuffte ihn wütend in die Seite,
„…einen Promoter!“ sagte Down und bekam auch ein paar Rempler.
Das Kamel, dem die Palme aus dem Höcker wuchs, wieherte und schüttelte den Kopf.
„Nein“, sagte es, „Ihr braucht einen Spiritual Advisor – und das bin zufällig ich.“
„Einen … waaas?“ wollten die drei Krokodile wissen und vergaßen für eine Sekunde zu spielen. Als das Kamel wieder auftauchte, wiederholte es:
„Einen Spiritual Advisor.“
Und als alle drei Krokodile das Wort nun andächtig wiederholten,…
„Spiiiii…riiii….tual… Adviiii….soooor“ –
da kam ein großer Frieden über die Wüste,
und die Dämmerung schüttete Ketchup und braunen Rauch auf die Sonne,
und ein kühler Wind brachte frische Luft vom Meer herein,

die nach Fischen roch und nach Matrosen und braunen Wäscherinnen.

Und die Instrumente machten fast von selbst einen ganz anderen Sound, keinen knarrenden Kasablanka-Rock, sondern einen klarsichtigen, prägnanten Hiphop und traumwandlerisch tollen Techno, und das Kamel lächelte, während sich die Palmenblätter etwas im Wind kräuselten.

Ohne sich umzusehen, ging das stolze Tier von ihnen fort in Richtung Süden, und die drei Krokodile konnten gar nicht anders,
sie mussten weiterspielen und ihrem neuen Spiritual Adivisor folgen,

während über der Scheißwüste ein Sternenhimmel aufging wie ein Bonuspunkteprogramm
und im Süden über dem flimmernden Dunst, der vom Tag übrig geblieben war,
verheißungsvoll die Millionen Lichter vom City Club Afrika in Kapstadt herüberblinkten –
der riesigen Stadt im Süden,
die auf ihre neue Musik wartete
wie auf
süßen Regen.