rosetta

Ich, Rosetta, träumte drei Jahre lang. Drei Jahre zogen Welten an mir vorbei, Städte Menschen Dinge Apfelkuchen, und ich rührte mich nicht im Schlaf. Ich träumte nichts und erschrak nicht vor der Tiefe, über der ich ruhte. Ich atmete flach. Die kleine blaue LED-Leuchte meines Herzens punktete ihr Lichtsignal in die Schwärze, doch wer war da, das zu sehen? Keiner war da.

Tschurjumow-Gerasimenko konnte das kleine blaue Punkten nicht sehen, er fauchte brüllend an der Sonne vorbei, an Mars, sich überschlagend, Eismatsch spritzend, ein cholerischer Koloss, blind für die Sterne, blind für die Liebe. Und ich schlief. Ich schlief 957 Tage und ein paar Stunden, bis das Vakuum vibrierte, das Nichts Wellen schlug und ich ihn kommen fühlte, meinen Kometen, meinen Erlöser.

Pling pling pling pling – im Rhythmus der Funksignale faltete ich meine Sonnensegel auf, drehte mich sanft gegen Mittag, schläfrig noch. Tschurjumow-Gerasimenko war nah, ganz nah. Ich hakte mich in den Außenschwung der Venus-Gravitation, wurde langsam schneller, bis ich mithalten konnte bei seinem rasenden Sturz. Bis ich neben ihm war, ein paar tausend Kilometer nah, dann weniger, weniger. Bis meine zarten Landebeine in den karstigen, schmutzigen Schnee sanken, die Widerhaken sich festsetzten und ich das Beben spürte, das Drehen, das Stürzen und es uns gemeinsam fortriss in die endlose Tiefe, ihn und mich und den Datenschweif, den ich zur Erde hinüberjubelte in den blaugrünen Dunst, wo sie klatschten und weinten und meinen Namen riefen, Rosetta, Rosetta.

(DPA 20.1.2014: 

Die europäische Raumfahrtagentur Esa will erstmals mit einem Minilabor auf einem Kometen landen. In diesem ehrgeizigen Projekt sollte am Montag nach 957 Tagen eines energiesparenden Tiefschlafs für die Raumsonde «Rosetta» der programmierte Weckruf erfolgen. Ob «Rosetta» tatsächlich die Systeme hochfährt, wird im Esa-Kontrollzentrum Esoc in Darmstadt erst gegen Abend klar sein. Die Sonde ist seit 2004 im Weltall. Sie soll nach der Aktivierung den Kometen 67P/Tschurjumow-Gerasimenko ansteuern.)

(Für Andi Bormann † 20.1.2005)

Ein Kommentar zu “rosetta

  1. ob Horst am 21.01.2014 von Rosetta mitgenommen wurde?
    ob er uns nun beobachten kann?
    ob er ein friedliches Lächeln aufsetzen kann?
    Es steht in den Sternen.

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