reiher-orakel

Wer – wie ich – jeden Tag mit einer kleinen Laufrunde beginnt, ein paar Kilometer durch den Tiergarten bei jedem Wetter, ist versucht, die Kamera zuhause zu lassen, weil man über die Jahre jeden Meter der Strecke kennt. Doch in Wahrheit ist das Licht täglich anders; in Wahrheit öffnet nur das Mantra ewiger Wiederholung die Augen für das Besondere.
Als auf den zehn gelbköpfigen Pollern an der Stadtschleuse, auf jedem einzelnen, ein Fischreiher saß, hatte ich den Fotoapparat zuhause gelassen: Eine schmerzhafte Bestätigung der alten Weisheit, dass man die besten Bilder macht, wenn man die Kamera dabei hat. Doch seitdem ist die Pollerreihe für mich zu einem (wenn auch gänzlich unverständlichen) Orakel geworden; jeden Morgen, wenn ich die lange Gerade am Landwehrkanal entlang sprinte, Hyänengeheul aus dem Zoo im Ohr, die Känguruhs träge auf dem Wiesenhügel – jeden Morgen bin ich gespannt, wie viele Vögel auf welchen Pollern sitzen.
Heute zum Beispiel: Yin und Yang auf und neben Poller 3, ein Reiher und ein flügeltrocknender Kormoran im Morgenlicht um kurz nach sieben. Es wird ein guter Tag, sagt das Reiher-Orakel, renn weiter.