papa muss lesen

Endlich Winterferien: Das Bildungsbürgertum verlässt Berlin Richtung Alpen per ICE. Alle Kinder im Großraumabteil heißen nach Philosophen oder Industriellen. Wenn man „Jasper! Bruno! Ponto! Julius!“ riefe, wäre die Antwort vielstimmig.

Kleine, durchtrainierte Mütter machen hier einen guten Job und stapeln kistenweise vorgeschnitztes Obst vor den abwesend wirkenden Kleinen, die auf modernsten Smartphones mit gleichgültigen Tippen lustige Lernspiele für Vierjährige absolvieren.

Die Familienväter geben das überanstrengte Arschloch; sie dösen blass und wie ausgeweidet in den Kunststoffsitzschalen, blättern mit strengem Blick in der FAZ und machen sich wichtig in der dritten Person: „Justus, das geht leiser, Papa muss lesen“.

Die Mütter sitzen nicht eine Minute, sie federn zwischen den Sitzreihen hin und her; ein Glücksmomente-Tee versickert im Polster, angebissene Bärchenwurstbrote rutschen zwischen die Sitze. Die Mütter lächeln routiniert, sie zeigen keine Anstrengung, sind die Stewardessen in der eigenen Familie im Landeanflug auf den Umsteigebahnhof Fulda.

Nach zwei, drei Stunden ist der Vater ausgeschlafen und lässt sich einen Kaffee holen; er hat hart vorgearbeitet für ein paar Tage im Kreise der Liebsten. „Wisch Jonas mal den Mund ab“; sprechen kann er auch, der Familienvorstand, und die Mütter verziehen das Gesicht keinen Millimeter, nicht für ihn. Ohne Bruno, Ponto und Julius wären sie gar nicht hier; sie wären woanders, jemand anderes, unterwegs in den richtigen Süden, ein Land ohne Tellerlifte und Dirndlabend, eine Fahrt im Speisewagen, Champagner im Abendrot irgendwo vor Roma Termini.