oder so:

Endlich geht der Pilot pissen, der Idiot, Pilotidiot, und ich atme auf und verriegele die Kabinentür, nur zum Spaß. Ich hätte seine gute Laune keine Minute länger ertragen, sein Rasierwasser nicht, die blöden Sprüche („Los, Baby, krieg ihn hoch“, „Und noch einen Kaffee für Papi, Puppe“). Idiot. Lass mich allein, lass mich nachdenken, allein mit diesen grandiosen Bergen, dieser kalten Luft, die draußen vorbeizischt und von der ich hier drin nichts mitkriege. Jetzt den Kopf aus dem Fenster halten – das wär’s!

Was heißt denn „kirschengroß“, bitte? Wieviel Platz ist in einem Kopf, wieviel Druck hält er aus, wenn das wächst? „Sie müssen mit neurologischen Ausfällen rechnen, ich würde nicht mehr arbeiten gehen, was machen Sie denn so beruflich“: Witzbold. Scheißarzt. Beruflich mache ich das, wovon alle träumen, ich fliege. Ich fliege, und ich fliege nicht mit dem Kopf, sondern mit jeder Faser meines Körpers, mit den Fingerspitzen, mit dem Schwanz, mit den kleinen Haaren in den Ohren. Was wisst Ihr denn vom Fliegen?
Kirschengroß, Herr im Himmel. Wie geht das weiter, habe ich gefragt, was kann man da tun, wie lange dauert das? Scheißarzt hat skeptisch gekuckt, eine Augenbraue hochgezogen, nichts gesagt. Werde ich Bauchschmerzen kriegen? – ja, drück mal die Klinke, Pilotidiot, willst reinkommen, versuchs doch, Idiot – werde ich nicht mehr atmen können? Und wann, diese Woche? Nächste Woche? Oder explodiert mir der Kopf, einfach so und irgendwann, werde ich die Hand nicht mehr bewegen können, taubes Gefühl in den Beinen, unfähig zu irgendeiner Bewegung?
Schon jetzt geht bewegungsmäßig gar nichts mehr. Kein Millimeter. Es herrscht Ruhe. Endlich Ruhe.
Ja, das ist Stahl, die Tür, da kannst Du mit der Feueraxt hacken, soviel Du willst, Idiot. Das ist Stahl, da wächst kein Tumor drin, das ist kaltes, hartes Metall.
Ich wäre gern aus Metall. Metall weint nicht. Metall schreit nicht, wie dieseTypen da draußen, diese fleischige, parfümierte, stinkende Masse Mensch, die unbedingt hier rein zu wollen scheint, als gäbe es hier den ganzen Müll aus dem Bordverkauf noch mal mit Extrarabatt. Ja, Freunde, hier ist Resteverkauf, die Kirsche und ich, wir reifen so vor uns hin, wir faulen.
Früher habe ich gedacht, ich fliege, um zu fliegen. Heute weiß ich, dass ich hochwill, um runterzukommen. Wenn Du beim Küssen zu nah dran bist, siehst Du ja auch nichts von all der Schönheit, nur Haut und Poren und Fleisch. Aber vorhin noch, elf Kilometer, da war der Abstand so, dass ich sie endlich sehen konnte und begreifen, die Berge. Sie Stein. Ich Stahl.
Was hart an mir ist, fliegt da mittendurch. Die Kirsche zerplatzt, der unnötige Scheiß verdampft, aber ich selbst – was strahlend war, mein Lachen, das Glück: Das kommt da hinten raus wie neu, ganz glänz –

(Das ist, heute, 27.3.2015, ein etwas desperater Standpunkt; eine Geschichte, die von allen anderen ganz anders erzählt wird. Ein junger Pilot, der seine psychische Krankheit böse vor allen geheim hält und dann in einem extended suicide sich selbst und 150 Unschuldige gegen den Berg fliegt: Ja, entsetzlich schlimm. Aber – habe ich mich angesichts der Vorverurteilungen und Tiraden der Presse gefragt – aber wissen wir denn wirklich, was in dem Mann vorging? Muss es eine dunkle Psychose gewesen sein, war er krank – und falls ja, krank an was: Die Vorverurteilungen überbieten sich gegenseitig, Kamerateams leuchten jedes Detail aus, verstehen will niemand, in Alternativen denken sowieso nicht. – Dabei fallen mir mit wenig Fantasie drei, vier Varianten ein, wie es plausibel gewesen sein kann; keine stimmt, aber jede beweist: Was alle schon so sicher zu wissen glauben, kann, könnte, auch – ganz anders gewesen sein.) (Jetzt, am 6.4., scheint sich die These vom mörderischen Selbstmord zu bewahrheiten, und mein Text ist Makulatur. Oder doch eine Fingerübung in Sachen Reindenken, in Sachen Ausprobieren, was denkbar ist. Und deshalb vielleicht aufhebenswert).