nix für hasenfüße

Irgendwie ein Ritual, Freitag abends nach der Ankunft auf dem Land erstmal die Hintertür der früheren Scheune aufzustoßen und staunend durch den garten zu schlendern. Wie das alles gewachsen ist in fünf Tagen! Der Sellerie sprießt, der Walnussbaum hat den Frost doch noch gut überstanden – und im alten Apfelbaum hängt ganz oben ein weißes Stück Fell mit einem blauen Band daran. ZWEI weiße Fellstücke. Was zum Teufel ist das? Ich hole eine Leiter und stochere das sonderbare Ding aus den Ästen. Es sind Hasenpfoten, genauer: zwei Pfoten eines weißen Kaninchens, mit einem blauen Kunststoffstrick zusammengebunden. Mich fröstelt. Wer macht denn sowas? Ein Kinderspielzeug („Geht mal ein bisschen raus und spielt mit den Tierabfällen, Kinder“)? Ein satanistisches Ritual, dörflicher Glücks- oder Schadenszauber? Will mich jemand bedrohen, mir den Fuchs auf den Hals hetzen, der neulich noch Nachbars Hühner gemordet hat? Den Wolf, der neuerdings jenseits der Straße durch den Wald streunt?

Rätselhaft. Die Freunde in anderen Dörfern wissen nicht weiter, WhatsApp schweigt. Sei kein Hasenfuß, sage ich mir und stakse zum Nachbarn rüber. Lothar sitzt mit Fritze und Corinna auf der Terrasse, und als sie mich mit dem blauweißen Artefakt anstiefeln sehen, brechen sie in schallendes Gelächter aus – eine Reaktion, die nicht ganz in meine „Mysterien des Landlebens“–Stimmung passt. Was lachen die? „Da ist das Ding ja“, freut sich Lothar, und die Erklärung folgt auf dem Fuß: Als Corinna neulich 40 wurde, hat Mike, ihr Mann, nicht nur Wildschwein zubereitet, sondern als Reserve auch noch zwei Karnickel geschlachtet. Die toten Tiere wurden an blauer Strippe übern Balken gehängt, und als die Backröhre heiß war, schnitt Mike den Braten vom Balken und ließ die weißen Pfoten hängen. Am Morgen waren sie weg: Die Krähen hatten das Spielzeug entdeckt und zankten sich noch den halben Vormittag darum. Ein Paar lag hinten auf Lothars Wiese, das andere landete in meinem Apfelbaum.

„Hasenfüße bringen Glück!“, versicherten meine Freunde, und nachdem das düstere Rätsel nun aufgeklärt war, konnte ich die blaue Strippe ebensogut meiner alten Pappelfigur um den Hals hängen, die ich vor fünfzehn Jahren mal mit der Kettensäge aus einem Stamm gesägt hatte, der morgens nach einer fröhlichen Geburtstagsfeier vor meiner Haustür gestanden hatte.

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