nimmer der nase nach

Früher war die Nase das, was den Ausschlag gab. Als das Kunstleder immer echter aussah, – ja, ich gebe es zu, ich habe einen gefälschten Eames Lounge Chair gekauft, mich der Produktpiraterie schuldig gemacht, für Kultdesign, das ich mir in Echt nie hätte leisten können – da war die Frage „ist es wirklich Leder” nur im Knien mit der Nase in den Polstern zu ergründen. Wenn es nach Leder roch, dann war es richtig. Wenn es das nicht tat, war es Betrug. Oder Erdbeeren, die heiteren Sendboten des Sommers, die nach und nach immer früher den Weg zu uns fanden, im März, im Februar: Waren die reif? Die Nase fand es heraus. Es waren Löcher im Cellophan, daraus duftete die Erdbeere so, wie nur Erdbeeren duften. Oder sie dünstete kalten Treibhausodem aus, die sterile Kühle des Lagerhauses, des Schiffsbauchs, in dem sie reifte auf dem Weg von Vielzuweitwegland hierher.

Im Januar ein Rezeptfoto machen mit Erdbeeren im Crunchy-Müsli: Klar Mann, das geht. Erdbeeren gibt es immer, und diese hier sahen richtig toll aus. Und wie die dufteten! Eigentlich ziemlich unglaublich, dass diese beerig dunkelrote Frucht aus Spanien kommen sollte, mitten im Winter. Ein Foto, klick klick, noch ein Foto im kalten Januarwind und einer nur mit Photoshop aufhellbaren Sonne. Wer isst das Model nach dem Shoot? Da waren die Erdbeeren kühl geworden, aber im Haus tauten sie wieder auf. Und rochen. Nach nichts. Ich schnitt sie klein, ich matschte mit der Gabel darauf herum, es blieb dabei: Erdbeerduft Null.

Und da endlich dämmerte es mir. Die Sprayflaschen, die längst entwickelt sein müssen für Nasenbären wie mich. Eine mit Erdbeerduft. Eine, die nach echtem Leder riecht, um meinen Plastikstuhl etwas teurer zu machen. Die Schuhe kostspieliger und die aufgepolsterte, nur millimeterdünn mit Leder bezogene Jacke etwas dicklederiger. Fetter Buttergeruch für flaue Kuchen. Bohnenkaffeeparfüm. Und Slivovitzdunst für fragwürdigen Fusel aus dem Supermarktregal, der teuer riecht, wenn man schnell trinkt – und nach ein paar Schrankwochen spurlos verschwindet. Produktparfüm für Autoinnenräume, Beruhigungsduft für Arztpraxen, der beißende Geruch arroganter Gewalt für die Vorstandsetage im Zentrum der Macht.

Ich kniete mich nochmal vor meinen Eames-Chair. Der Lederduft, der beim Auspacken noch überwältigend war, war nicht mehr feststellbar. Es roch nach Kunststoff, nach benutztem Sessel und nassen Hund. Nein, der lag unten drunter. Ich scheuchte die Töle weg, aber von Leder konnte trotzdem keine Rede mehr sein.