’ne tasse mit bob dylan

Heute mittag ging Bob Dylan vorbei. Ich meine: Womöglich war es nur jemand, der so aussah wie Bob Dylan. Gut trainierter grimmiger Blick, etwas ungepflegte, gelockte lange Haare, Fusselbart unterm Kinn. Hakennase. Er hatte diese kleinen, wilden Augen, die listig, boshaft oder voll Hass glitzern können: Deshalb konnte es eigentlich nur Dylan selbst sein, der da die Keithstraße hoch ging zum Landwehrkanal. 

Dylan ging wie einer, der so tut, als hätte er ein Ziel, obwohl er keins hat. Er tat geschäftig. Mich konnte er nicht täuschen. Ich weiß, wie jemand aussieht, der geht – und wie jemand geht, der nur so tut, als täte er’s, und in Wahrheit unwillig und mürrisch in sich selbst herumlungert.

Bob Dylan trug eine kleine Plastiktüte in der rechten Hand, auf der irgendwas mit „Ihrer Apotheke“ stand. Die Tüte war zerknittert und geschwärzt von Dreck oder Russ. Wie konnte jemand, der eben den Literatur-Nobelpreis bekommen hat, mit so einem Ding die Keithstraße hochlaufen? Wahrscheinlich war es eine Metapher, eine Anspielung auf irgendwas. Oder war Dylan krank, trug er eine – dem Benutzungsgrad der Tüte zufolge: chronische – Krankheit zur Schau und wartete auf Mitleid, darauf, einfach nur angesprochen zu werden? „Hey, Bob…“

„Hey, Bob“ sagte ich, und Dylan sah mich desinteressiert und verständnislos an. Ha! Das war der Beweis dafür, dass er es sein musste. Jemand, der so sehr wie Dylan aussah und dann verständnislos tat, wenn jemand „hey Bob“ zu ihm sagte, obwohl er doch schon hundert Mal so angesprochen worden sein musste – der log. Der log, weil er so tun wollte, als würde er niemand dieses Namens kennen. Weil er Bob war.

Ich ging jetzt so dicht neben ihm, dass ich seine Lederjacke riechen konnte. Bitter irgendwie, nach Rauch und verbranntem Plastik. Was zum Teufel hatte Dylan in dieser Jacke getrieben? Aus der Nähe konnte ich sein Apothekentütchen besser sehen, und na logisch, da stand „Gute Gesundheit aus Ihrer Apotheke im Europa-Center“. Jetzt wurde mir alles klar. Gestern hatte die Dachterrasse des Europa-Centers gebrannt, und dieser Typ hier, Bob Dylan höchstpersönlich, hatte das Ding angesteckt. Weil er ein Fanal setzen wollte und den Scheiß-Mercedesstern oben auf dem Center abfackeln. Wahrscheinlich war die blöde Verleihung zu ihm durchgesickert und hatte ihn in eine schlimme Krise getrieben. Zum bösen alten Mann, der er immer noch sein wollte, passte ein Nobelpreis ganz und gar nicht. Wenn er ihn schon kriegen sollte, dann wollte er ihn verdammtnochmal im Knast kriegen.

Also hatte er sich abends heimlich oben auf der Aussichtsplattform einschließen lassen und die ganze Nacht frierend und hungrig und ziemlich besoffen abgewartet. Er wollte die erwachende Stadt mit einer brennenden Fackel begrüßen, mit einem Zeichen der Freiheit, die auch ein Nobelpreis nicht zivilisieren und in die Schulbücher sperren kann.

Das Mistding hatte leider nur kurz gekokelt und war viel zu schnell gelöscht worden. Dylan war mitten im Löschchaos einfach rausgestiefelt, und sogar das Apothekentütchen mit der leeren Flasche reinen Alkohols, von dem er eine Hälfte getrunken und mit der anderen das Feuer entfacht hatte, hatten sie nicht bemerkt.

Aber was jetzt? Zurück ins Hotel konnte er nicht mehr, und weiter nach Las Vegas, wo er morgen abend einen Auftritt hatte, erst recht nicht. Sie würden auf ihn warten, die Gratulanten, sie würden ihn höhnisch feiern. Sie würden ihn töten mit ihrem verdammten Wohlwollen. Also lief er unentschlossen durch die Straßen zwischen Europa-Center und Landwehrkanal, tat, als hätte er ein Ziel – und hatte keins.

„Tasse Kaffee?“ Das hatte eine ganz andere Wirkung als die direkte Anrede. Bob Dylan schien mich endlich zu bemerken, und seine kleinen, schnellen Augen zuckten zu mir rüber, ohne dass er den Kopf drehte. Er krächzte irgendwas. Wir waren uns einig.

Kurz darauf saßen wir oben in meiner Küche, und Bob Dylan schraubte den Zuckerspender auf und schüttete den ganzen Inhalt mit einer einzigen, entschlossenen Bewegung in die Mitropa-Tasse, die ich ihm hingestellt hatte. Er sah nicht rüber zu meiner verschrammten Gibson-Gitarre, die an der Wand hing. Der Zucker schien ihn weit mehr zu interessieren. Schlauer Fuchs, der alte Bob.

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