Martins Vita

Martins Leben war voll, nicht nur erfüllt sondern richtig voll. Vielleicht musste er uns deshalb so früh verlassen.
Aufgewachsen im Sauerland in einer aktiven, mitgestaltenden Familie hat er früh gelernt sich aktiv ins Leben einzumischen. Die Eltern politisch engagiert, der Vater mit fotografischem Talent, die Mutter mit großem kunsthandwerklichem Geschick und beide musikalisch beim gemeinsamen Fiedelspiel harmonisch verbunden. So jedenfalls die Überlieferung. Früh hat sich Martin um seinen Bruder gekümmert und gemeinsam hatten sie eine glückliche und wilde Kindheit in der sauerländischen Natur.
Seine Neugier und sein Interesse an allem führte in einem Alter wo andere Kinder noch nicht ein Buch gelesen haben dazu, dass er die gesamte Leihbibliothek in Kierspe leer gelesen hatte.
Sein Abi mit 1,… war damals eher eine Seltenheit und natürlich war er an der 1. Gesamtschule des Landkreises der Schulsprecher und hat die Lehrer entsprechend auf Trapp gehalten.
Seine Umsiedelung nach Berlin verdankte er dann der Terroristenfahndung. Eigentlich war geplant mit Aktion Sühnezeichen in Amerika mit Chikanos zu arbeiten. Er kam nach Berlin um ein halbes Jahr bis zu seiner Abreise zu überbrücken. Als er dann in der Redaktion des damaligen Untergrundblattes Radikal eine Wohnungssuchanzeige aufsetzte gab es eine Razzia und er wurde verhaftet. Damit war die Möglichkeit nach Amerika zu reisen nicht mehr gegeben und ins Sauerland zurück zu kehren hätte bedeutet, dass er zum Bundeswehrdienst gemusst hätte, dem man damals extrem ablehnend gegenüberstand.
Er blieb in Berlin, hier gab es auch genug zu tun. Er schloss sich der Hausbesetzerszene an und in der Buttmannstraße besetzte er mit anderen das erste Haus im Wedding.
Er war Mitbegründer des Cafés Barrikade und begann die aufregende Arbeit als Gastronom in einer der ersten sogenannten Besetzerkneipen. Außer dem Ausschank von Alkohol gab es hier natürlich ein weites Feld des sozialen Engagements: Junkies, Arme, Verzweifelte hatten einen Ort an dem es nicht um Kommerz und Mietwucher ging, sondern um Hilfe und Verständnis.
Neben diesen vielen aufregenden Dingen hat Martin immer auch gezeichnet, fotografiert und geschrieben.
Seine berufliche Laufbahn begann bei Hahnfilm einer Zeichentrickfirma für die er Kulissen malte. Bald befreundete er sich mit Gerd Hahn der sein Verantwortungsgefühl, Einsatz und Zuverlässigkeit schätzte und ihn für leitende Tätigkeiten als Artdirector beschäftigte.
Mit Ina Schönwälder hatte er damals eine Liebesbeziehung die 4 Jahre hielt und nach der Trennung von Ihr fiel er in eine schwere Zeit und war sehr getroffen. Der Freundeskreis war groß und Bernd und Marlies hatten die Idee Martin allein, Tina alleine, die passen doch gut zusammen. So kam es zu einem gemeinsamen Doppelkopfspiel zu viert und alle hatten Spaß. Martin blieb dran, Tina gefiel ihm und umgekehrt und so begann eine erfüllte, erfolgreiche Beziehung und Ehe.
Sie gründeten die Firma, sie bekamen 2 Söhne und waren mit Lasko, dem Sohn von Tina und Jürgen, eine richtige Großfamilie. Die Firma wuchs, früh wurde entschieden für wen man nicht arbeitet. Pelzhersteller, Genmanipulateure, Atomlobby usw. wurden nicht in den Kundenkreis aufgenommen.
Auch der Erdölmulti Total wurde gekündigt als offensichtlich wurde, dass hier nur von Greenwashing gesprochen werden konnte. Martin war stolz, dass fast die ganze Belegschaft hinter ihm stand, obwohl es für die Agentur ein nicht zu unterschätzendes betriebliches Risiko darstellte.
Bald war auch wieder Zeit die Welt ein bisschen besser zu machen und der schreckliche Unfall eines kleinen Jungen der von einem Lastwagen überrollt wurde war der ausschlaggebende Anlass für Martin loszulegen. Sein jüngster Sohn Leonard war genauso alt wie das Unfallopfer und die Vorstellung es wäre ihm passiert war kaum auszuhalten. Martin recherchierte im Internet und fand in Holland einen Vater der seinen Sohn auf die gleiche Weise verloren hatte und daraufhin einen Zusatzspiegel für LKWs entwickelt hat der den toten Winkel für den Fahrer auf 5 % verringert.
Martin schrieb an Zeitungen, Behörden usw. keine Reaktion bis auf den Tagesspiegel, der sich mit einer engagierten Praktikantin die Aufklärung darüber zur Aufgabe machte. Es gab Aktionen auf Schulhöfen wo ganze Schulklassen im toten Winkel mit herkömmlichen Spiegeln nicht zu sehen waren. Martin verschickte kostenlos 100 Zusatzspiegel an berliner Fuhrbetriebe. Einer meldete sich, das find ich toll ich schraub die Dinger umsonst ran. Und irgendwann kam der Stein ins Rollen und die Bewag rüstete nach und große Fuhrbetriebe auch gegen die Behörden und den TÜV weil angeblich der Spiegel nicht zugelassen war. Herr Stolpe der damalige Verkehrsminister legte auch nur Steine in den Weg und war Argumenten gegenüber nicht zugänglich. Ende vom Lied, Geld siegt: die deutschen Patente des Micraspiegels kamen zum Einsatz. Leider mit einem weitaus schlechterem Ergebnis als der von Martin vorgeschlagene Spiegel. Aber der Zusatzspiegel ist jetzt Gesetz und hat seit 2004 vielen Menschen auf unseren Straßen das Leben gerettet. Meist waren die Opfer Frauen und Kinder auf Fahrrädern oder zu Fuß.
Und so gibt es eine ganze Liste von Taten wie z.B. der Kampf für Alexander, der seit seiner Geburt tetraspastisch gelähmt ist. Alexander wollte eine Ausbildung zum Grafiker machen aber einen Tetraspastiker in den 1.Arbeitsmarkt zu hieven ist ein extrem schwieriges Unterfangen. Martin hat das geschafft, Alexander hat erfolgreich seinen Berufsabschluss absolviert und Martin hat ein ganzes Buch darüber gefüllt, damit folgende es evtl. etwas leichter haben.
Auf dem Land in Semlin wo Martin auch beigesetzt werden will hat er natürlich als erstes die Internetseite erstellt, der größten Laufveranstaltung der Region 10 Jahre zum Erfolg verholfen, die Semliner Hefte herausgegeben und einen ortsansässigem Schriftsteller, der von den Nazis hingerichtet wurde mit seinem Buch der Groschenroman zum Andenken verholfen.
Sein größtes Engagement in den letzten Jahren war die Mitgründung der Flüchtlingspaten Syrien e.V.
Dieser Verein hat es geschafft 250 Menschen aus Syrien über Verpflichtungserklärungen nach Deutschland legal einreisen zu lassen. Diese Menschen sind dem Tod entronnen und Martin war maßgeblich beteiligt. Er hat viele unserer Freunde dafür begeistern können und sie wurden Paten oder Verpflichtungsgeber. Diese Arbeit hat ihn viel Kraft gekostet und die vielen Einzelschicksale haben ihn sehr geschmerzt. Er hat trotzdem weitergemacht. Ulrich Karpenstein, auch Gründer des Vereins hat gesagt, er kennt keinen Menschen, der mehr Leben gerettet hat.

Geschrieben von Martina Huchthausen