what a lucky bye-bye

„Ja, ich weiß, der Laden ist ein bisschen in die Jahre gekommen … aber komm, Du bist doch Werbeprofi“, hatte Dirk gesagt, „lass uns da mal ’ne Pizza essen und sehen, was man machen kann. Ist schließlich ein Mythos, das Ding.“ Na gut, das machen wir. Aber David Bowie, der hier mit Iggy Pop Pizza gegessen haben soll in den Siebzigern, ist gerade nicht da – eigentlich seit vierzig Jahren nicht mehr. Wer noch da ist, ist Lucky selbst, ebenfalls ein Mythos, ein großer, graubärtiger Kerl mit Schlapphut, der hinterm Tresen rumfuhrwerkt. Der Laden ist leer, es ist Mittag. Die Kaffeemaschine ist kaputt. Ich bestelle eine Pizza.

Lucky knurrt und repetiert meine Sonderwünsche: Kapern, schwarze Oliven. Bitter Lemon. Kein Problem. Da hat er schon ganz andere Sachen hingekriegt. Einige Zigtausend davon haben ihre Spuren hinterlassen, an ihm selbst, aber vor allem an der Pizzeria: Fotos von Gästen, Postkarten aus dem Urlaub, alles wurde aufgehoben und irgendwie an die Wand oder Decke gepinnt. Über 40 Jahre ist der Bilderwust zu einer Art bunter Tropfsteinhöhle zusammengewachsen, ein Gesamtkunstwerk, das man nur lieben kann oder hassen.

Ich beschließe, es zu lieben, was mit der Pizza etwas schwerer fällt: Aber hey, immerhin, das Ding ist heiß und scharf und knusprig und hat mit modernem, hellen Focaccia-Purismus und der Gegenwart so viel zu tun wie die ganze bilderbunte Räuberhöhle und der Oberräuber, Lucky, selbst. Nix. Nada. Niente.

Der Werbeprofi in mir verbrennt sich die Zunge, während die üblichen Gedanken durch den Kopf wirbeln. Werbung kann man nur machen für ein Produkt, das stimmt, und an diesem schrägen Laden stimmt nix, die Pizza nicht, die kaputte Kaffeemaschine nicht, die Feinstaubbelastung nicht. Oder gibt’s ne Nische, die die Leute zum Kleistpark lockt?

Draußen in der Sonne sitzt ein einsamer Gast, ein Desperado mit Gitarre. Eine ziemlich hübsche Frau geht vorbei, die Sonne scheint, die Gitarrentöne werden schmachtender. Und riecht es nicht sogar nach Grass? Hipster würden den Schuppen klasse finden, aber vielleicht waren sie auch schon hier und sind längst weitergehipstert. Alle anderen kommen ein Mal und dann nie wieder. Wie ich. Aber das liegt nicht an mir, das liegt an Dirk, der eine Woche später anruft und sagt: „Falls Du noch nachdenkst, kannste damit aufhören. Wir waren an Luckies letztem Tag da.“ Mann, ich habe vielleicht Luckies letzte Pizza gegessen, 40 Jahre Mythos zusammengebruzzelt auf ein rundes Stück Schärfe, Wehmut, Rock’n Roll. Ich will sofort Bowie anrufen, finde seine Nummer nicht; es bleibt ein einsames Bye-bye. Lonesome … but lucky.