le livre liquide

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Alkohol in einigermaßen ernstgemeinten Mengen trinke ich schon seit ein paar Jahren nicht mehr. Im Weinkeller vereinsamt eine nur noch fragmentarische Sammlung schöner Flaschen, zu kostbar zum Suppeabschmecken, aber auch zu labil zum ewigen Aufheben. Deshalb freue ich mich über Abende wie gestern, eine kleine Runde von Freunden, darunter ein, zwei Auskenner in Sachen Wein: Dann her mit dem Korkenzieher… und gaaanz langsam aufgemacht.

Lynch Bages Cinquiéme Cru aus Pauillac ist schon lange der beste Wein, den ich in meinem Leben getrunken habe. Sagen wir: Ein Wein, der zu mir gesprochen hat wie ein dickes Buch, wie ein Kompendium an Tönen, Untertönen, Strömungen, Nuancen. Wirklich eine Offenbarung, maßgeschneidert genau für mich und viel zu teuer für jeden Gedanken an Gewöhnung. Was bleibt von diesem schwelgerischen Genuss, wenn man schon lange keinen Wein mehr trinkt, die Geschmacksknospen sich wieder schließen, alle Vergleichsmöglichkeiten längst verblasst sind?

Viel. Den Geruch allein könnte ich unter hundert anderen identifizieren; der Geschmack (ein Nippen am fremden Glas, ein einziger tiefer Schluck dann) hat noch immer die papierene Trockenheit, den arroganten Bronzeton, die noble Kühle. Ja, das ist er, unverkennbar, Lynch Bages (Lööngsch Baahsch trotz der irischen Herkunft von John Lynch, würde ich sagen), heute ein 12 Jahre nicht bewegter 1999er, eine alte Liebe, ein flüssiges Buch, eine nur wenige Milliliter währende Reminiszenz. Drei Flaschen liegen noch im Keller, die werde ich mir in den kommenden dreissig Jahren gut einteilen, Freunde.