kudorf express

Es muss genieselt haben, im Nachhinein bin ich sicher. Der Kudamm war regennass, ein klammer Spätherbstabend, nur wenige Menschen, die sich beeilten, nachhause zu kommen. Da wollte auch ich hin, nachhause. Damals wohnte ich noch nicht in dieser ramponierten, riesigen 10-Zimmer-WG-Wohnung in der Fasanenstraße, aber ich kam von dort, hatte Tina besucht und unseren kleinen, erst ein paar Wochen alten Sohn. Ausnahmsweise stand mal eine Nacht im eigenen Bett an, und ich wollte zu Fuß durch die Stadt laufen rüber nach Moabit.

Die Ampel Kudamm/Ecke Fasanenstraße war längst ausgeschaltet und blinkte nur rhythmisch mit gelbem Licht; überhaupt schien die ganze Straße in schmuddeliges, düsteres Graugelb getaucht zu sein, ein farbloses, stumpfes Halbdunkel, in dem Bäume, Hausfassaden und Autos zu einem konturlosen Brei zerflossen. Rechts hinten war das Café Kranzler zu sehen, eine glanzlose Attrappe aus anderen Zeiten. Gegenüber im Kempinski-Grill waren die Stühle schon hochgestellt, und die Kudamm-Nutten, die normalerweise um diese Zeit die nördliche Straßenseite zwischen Joachimstaler und Fasanenstraße säumten, waren beschäftigt oder hatten früh Feierabend gemacht. Die Straße war – von ein, zwei wartenden Taxis und einem vorüberschwingenden Bus abgesehen – fast leer.

Blitz und Donner kommen zeitversetzt; bei der Lichterscheinung am Ende der Straße – da, wo der Kudamm im Schatten der Gedächtniskirche eine Kurve machte und wahrscheinlich schon Tauentzien hieß – konnte ich hinterher nicht mehr sagen, was ich zuerst wahrgenommen hatte: Das rhythmische Scheppern, das über dem belfernden Knattern des Motors nur mit Mühe als Musik identifizierbar war. Oder das irrwitzige Leuchten, – der pulsierende Mix aus Warnblinkleuchte, Fernlicht und Innenraumbeleuchtung, der das Fahrzeug, das viel zu schnell näher kam, zu einer Art lautstarken Kirmes-Kometen machte. So ein Auto hatte ich noch nie gesehen, und auch die schreienden und lachenden Krawallköppe im Inneren des Wagens – wieviel waren da drin, sechs?, sieben sogar? – kamen mir vor wie eine Gauklertruppe aus einem Monty-Python-Film. Vollbärtige, rotköpfige, wahrscheinlich betrunkende Schreihälse mit hervorquellenden Augen, die jetzt, wo der Wagen eine jähe Vollbremsung machte und mit dem Gestank von Gummi und Rasenmähersprit neben mir zu Stehen kam, alle Scheiben quietschend herunterkurbelten und sich wild durcheinanderschreiend aus den Fenstern lehnten.

Immerhin sprachen sie Deutsch; ich hatte mit irgendeinem Außerirdischen-Kauderwelsch gerechnet, Klingonisch, ein Vega-Dialekt hätten mich nicht weiter überrascht. Doch diese Leute verstand ich einigermaßen, und der mit der lautesten Stimme (und einem überdeutlichen Berliner Akzent) fragte vernehmlich nach dem Weg zum Kudorf, einer rumpeligen Touristen-Disco gleich um die Ecke. Den kannte ich, ruderte vage mit den Armen, beschrieb die paar Meter, die sie noch fahren mussten. „Ihr müsst zuerst ’ne Wende machen“, – wahrscheinlich hatten sie das irdische Vokabular doch im Kälteschlaf gelernt, als ihr albernes Miniaturraumschiff überlichtschnell auf unser Universum zugerast war, jedenfalls erntete ich laustarkes Schreien und Gelächter auf meine Ansage. Umgehend zog das überfüllte Ding einen etwas eckigen, metallschleifenden Bogen auf der Kreuzung und raste dann mit dünnem Dankeshupen zurück in Richtung Joachimstaler. Die krakeelenden Außerirdischen wollten sich betrinken oder weitertrinken, und im Kudorf konnten sie Hörner auf dem Kopf haben oder grüne Haut, sie würden nicht weiter auffallen dabei, solange sie bezahlen konnten.

Der nasskalte Dunst schlug wieder über dem Kudamm zusammen. Jetzt tauchte doch eine Prostituierte auf und trippelte müde ein paar Schritte in meine Richtung, doch ich klappte den Mantelkragen hoch und sah in Richtung Uhlandstraße; da drehte sie ab. Es war eine öde, trübe Nacht; höchste Zeit, endlich nachhause zu kommen. Auf dem Küchenbrett sollte noch etwas vom gestrigen Rotwein stehen, ein Rest Suppe auf dem Herd. Genug für eine späte Mahlzeit, bevor ich allein in mein selten benutztes Bett schlüpfte und zusah, dass ich diesen 9. November 1989 schnellstmöglich hinter mich brachte.