kranzlereck

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Allmählich wird der „alte Westen“ am Zoo aufgebrezelt; in Kürze öffnet das Waldorf Astoria seine Pforten, und zwischen Kantstraße und Kudamm stapelt sich schon allerhand großstädtische Stahl-und-Glas-Architektur. Das überdachte Stück Bürgersteig vom Café Kranzler rüber zu Karstadt Sport, damals noch das Kaufhaus Bilka am Zoo, war 1978 meine nächtliche Heimat: Da habe ich nach Einbruch der Dunkelheit als Pflastermaler gearbeitet. Nein nein, keine klassizistischen Kopien, sondern wüste Eigenkreationen, Malerei, Politik, Surrealismus. Vom Zerreiben der Kreide auf dem Asphalt hatte ich keine Fingerabdrücke mehr, aber immer ein paar Kilo Kleingeld in den ausgebeulten Hosentaschen. Nachts ging es mit den Kudammnutten und Zockern auf ’ne Tasse Kaffee oder eine heiße Suppe um die Ecke; manchmal sprach mich ein Passant auf eine Wandmalerei an, eine Auftragsmalerei. Dann konnte vorübergehend drinnen gemalt werden für ein paar Tage, bis ich wieder an der Joachimsthaler unterm Passagendach auf den Gehwegplatten hockte.

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Heute gibts keine Pflastermaler mehr, weil die Leute sich nicht bücken würden, um den Facebook-Like-Button zu drücken. Oder so.

3 Kommentare zu “kranzlereck

  1. 1978 habe ich bei Bilka am Zoo in der Schuhabteilung gearbeitet.
    Vermutlich waren in den ausgebeulten Hosentaschen auch ein paar Groschen von mir .
    Schöne Erinnerung !! 🙂

    • Wahrscheinlich hattet Ihr Schuhverkäufer meist schon Feierabend, wenn ich anfing 😉 Meine Frau, Tina, schwärmt von Bilka am Zoo. In der Schuhabteilung gab es damals schon Tamaris-Schuhe, heute erst Kult, jetzt Kette. Ich glaube nicht, dass ich mir damals neue Schuh gekauft habe …

  2. Pflastermalen am Kudamm/Ecke Joachimsthaler: Wenn ich mal zwei Abende hintereinander gemalt habe – zum Monatsende hin, wenn das Geld für die Miete oder den Strom fehlte – , konnte ich oft an die Fragmente des Vorabends anknüpfen. Die waren etwas verwischt und verblasst, aber rekonstruierbar. Meistens. Nur einmal war das Bild nur noch ein einziger verschwommener, blässlicher Fleck. Was war da passiert?

    Ich stand rätselnd vor der Farbwolke und konnte mir keinen Reim darauf machen, bis eine der Kudammnutten, die damals noch von der Joachimsthaler bis hoch zur Uhlandstraße den Bordstein säumten, zu mir rübergeschlendert kam. Die Mädels waren damals – wir reden vom Jahr 1978 – noch keine fremdsprachigen Opfer einer straffen Sexindustrie, sondern mitunter ziemlich selbstbewusste Kleinunternehmerinnen, mit denen ich gern ab und zu nach der Arbeit noch einen mitternächtlichen Kaffee in einer Seitenstraße trinken ging.

    Meine Nachtarbeiterinnen-Kollegin war immer noch aufgebracht. Hatte sich doch gestern, kurz nachdem ich weg war, so ein frecher Hund an mein Bild gesetzt, seinen Hut neben sich gestellt und so getan, als hätte ER das Bild gemalt! Frechheit, fand sie, mich so um meinen verdienten Arbeitslohn zu prellen. Jedenfalls hatte sie schnell den anderen Mädels Bescheid gesagt, und dann waren sie zu viert oder fünft so lange über das Bild gelaufen mit ihren Lackstiefeln, bis das Ding kaputt und nicht mehr durch Fremde zu vermarkten war. Wenn ich nicht daran verdiente, fand sie, sollte niemand daran verdienen, und besser ein verschwundenes Bild als ein missbrauchtes.

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