kick off meeting

Ich rase auf dem Rad durch den Park wie ein Hund mit brennendem Schwanz, geduckt, atemlos, ohne Blicke auf das Ringsum. Hasen spritzen links und rechts beiseite, auf den langen Bänken liegen Betrunkene und Liebespaare, die mein Radlicht streift. Es ist spät geworden, das wird es immer. Termine, Meetings, nichts gegessen, nichts getrunken außer viel zu viel Kaffee, nichts geschafft außer noch mehr Worten. Worte zu all den wichtigen Dingen, Worte an all die wichtigen Leute. Ideen Skizzen Arbeitspläne. Kick-Off-Meetings. Ist das amerikanisch für In-den-Arsch-Treten, Kick Off? Mich braucht niemand zu treten, das mache ich alles selbst, ein schneller Bursche mit brennendem Schwanz. Ich lache und rutsche von der Pedale ab, lasse das Rad ausrollen, atme durch, einen Moment nur. Nur einen Moment.

Über die langgezogene Brücke, die den Park quert, scheppert eine U-Bahn; dahinter liegt glänzend wie ein Königspalast, wie ein gut gedeckter Festmahltisch, der Potsdamer Platz mit seinen hohen Bürotürmen, angestrahlt, gewaltig. Ich steige ab und staune, ohne das Rad auch nur festzuhalten. Mein Zweitausend-Euro-Rad kippt um; ich sehe nicht mal hin. Genau hier und jetzt ist die Welt schöner, als sie es jemals war. Im Kreuzungspunkt der Straßen und Strecken, der U-Bahn, der Wolken, der tastenden Scheinwerfer von weit weg ist komplette Ruhe. Andacht. Ehrfürchtig sehe ich mich um, eine Gänsehaut auf dem Rücken, die nicht vom Abendwind kommt, der die Hitze des Tages umrührt, sich um meine Knöchel kräuselt. Ich bin angekommen, endlich, ganz plötzlich. Angekommen an einem Ort, von dem ich nicht mehr fort muss. Mir steigen Tränen in die Augen; Erleichterung flutet meinen ganzen Körper – ein besonderes Gefühl wie warmes Pinkeln in sehr kaltem Wasser.

„Wow, was’n Rad“, ich habe den Burschen nicht kommen gehört; eigentlich ist er nur von der Parkbank aufgestanden, vor der ich endlich zum Stehen gekommen war.
„War teuer, oder? Das schmeißt man doch nicht so hin!“ Der Bursche hält einen dampfenden Pizzakarton zwischen beiden Händen, er muss eben erst von der U-Bahn rübergekommen sein, um sich für seine späte Mahlzeit eine stille Ecke zu suchen. Ich stelle mir vor, wie die Pizza im Inneren der Schachtel noch brutzelnde Blasen wirft; ihr Duft steigt auf, Artischocken, Anschovis, – Kapern. Ich liebe Kapern.
„Halt doch mal“, sagt der Bursche und drückt mir den Pizzakarton in die Hand. Er bückt sich langsam und stellt mein Rad auf die Räder. Nix passiert; der Lack sieht aus wie neu, Chrom blitzt und reflektiert die flackernden Lichter einer weiteren U-Bahn, die oben vorbeifährt.
Der Bursche pfeift anerkennend, begutachtet mein Rad von allen Seiten, betätigt die Klingel, prüft den Reifendruck. Er sieht mich an, bemerkt wahrscheinlich den glücklichen, zufriedenen Blick, mit dem ich auf die Pizzaschachtel in meinen Händen sehe. Er macht einen Scherz.
„Wollen wir tauschen?“

Das Reden ist auch längst vorbei, das brauche ich hier nicht mehr. Geredet habe ich genug in meinem Leben, deshalb nicke ich nur, und er lacht irritiert und fragt nach.
„Echt mal?“ Ich nicke.
Er schüttelt lachend den Kopf, wartet noch mal, steigt dann kopfschüttelnd auf.
Klingelt.
„Dann tschüss“.

Ich antworte nicht. Trage den Pizzakarton rüber zur Bank, während der Bursche losradelt, bald schneller wird. Hinter der Bank ist ein Gebüsch, dunkel und sicher für die Nacht. Der Bursche ist vor dem gleißenden Potsdamer Platz nur noch ein kleiner, schneller Schatten, das Rücklicht strahlt; ein Hund mit brennendem Schwanz.
Ich öffne die Schachtel. Endlich essen. Schlafen. Endlich.