kaffee in ägina

Ich kann Bogenschießen, ich kann einen dicken Zwirnfaden in ein schmales Nadelöhr fädeln: Aber eine übervolle Tasse Kaffee auf der Untertasse ans Bett balancieren, ohne ihn überschwappen zu lassen – das kann ich nicht. Es hilft auch nichts, wenn ich die kräuselige, schaukelnde Oberfläche der dampfenden, hellbraunen Kaffee-Milch-Mischung, die Tina so liebt, im Auge behalte. Im Gegenteil; je mehr ich hinstarre und mich konzentriere, um so mehr kommt die Sache ins Wogen, bis es schließlich so weit ist – bis die schaumige Crema über den Tassenrand auf die Untertasse fließt und der leckerste erste Schluck verloren ist.

Auch in Griechenland hatte ich an diesem Morgen nur einen verschlafenen ersten Blick für die unglaubliche Weite der Ägäis, die unter dem steinigem Abhang unter unserer Veranda lag – getüpfelt mit Inseln, die aus einem beinahe gläsernen Meer ragten, nach dem Regen der letzten Nächte mit frischem Grün überwuchert, strahlend unter dem Licht der noch tief stehenden Sonne. Noch immer wirbelten dunkle Wolkenfetzen über den eben erst aufgerissenen Himmel davon; noch immer glitzerten die massigen Felsbrocken am steinigen kleinen Strand regennass, aber der Sturm war vorbei, es würde ein warmer Tag werden, ein guter Tag.

Wahrscheinlich presste ich die Lippen zusammen und runzelte die Stirn bei meinem Balanceakt; Tina machte sich immer lustig über mein konzentriertes Gesicht; aber jetzt schlief sie noch, nackt zusammengerollt unter der dünnen weißen Decke, und nichts war zu hören außer einer dicken Fliege, die wieder und wieder gegen die schlagladenbeschattete Verandatür flog und hinaus wollte in diesen atemberaubend schönen frühen Morgen. Ich musste ihr helfen.

Ich stellte die Kaffeetasse auf ein mit dicken Büchern vollgestapeltes Sideboard, suchte eine leidlich gerade Stelle auf den prächtigen Folianten und abgegriffenen Bildbänden über den Berg Athos, der es den Eigentümern unseres Ferienhauses besonders angetan haben musste. Die Tasse klirrte leicht auf der Untertasse beim Absetzen, und ich warf einen schnellen Blick zu Tina hinüber, um zu sehen, ob sie das leise Geräusch geweckt hätte. Doch sie gähnte und streckte sich im Schlaf, ohne wach zu werden.

Das Klirren hielt an, und noch immer schwappte der Kaffee in der Tasse hin und her, die auf der Untertasse fast zu vibrieren schien, zu vibrieren wie das ganze Sideboard, dessen Beine auf dem krummen Dielenboden Geräusche machten. Manchmal fuhren draußen Öltanker vorbei, deren sonores Brummen wir bis hier herauf zu unserem Inselidyll hören konnten; dass der Boden von ihren schweren Schiffsmotoren bebte, hatte ich noch nie erlebt. Aber so war es, der Boden bebte; das ganze Haus schien sich zu dehnen, zu verzerren, und mit einem hellen Klang zersprang die Glasscheibe in der Verandatür diagonal über die ganze Länge. Tina murmelte etwas im Schlaf, und jetzt hörte ich es unter mir, das tiefe, näher kommende Geräusch, als nahte ein Güterzug mit riesiger Fracht, als mahle eine Knochenmühle monströse Knochen, als risse die ganze Insel in der Mitte durch. Ein Erdbeben! Sekunden später war es da, Folianten rutschen polternd auf den Holzboden, ein Stuhl stürzte um; draußen vor dem Fenster brach etwas von der Dachkante ab und krachte auf die Veranda. Tina war wach und schrie, und ich schrie auch: „Raus, schnell, schnell, ein Erdbeben, raus!“.
Ein Putzbrocken platzte von der Decke und streifte meinen Arm, es gab einen Knall mit einer elektrischen Entladung aus dem Sicherungskasten neben der kleinen Teeküche, und sogar das Licht draußen vor dem Haus schien sich innerhalb einer Sekunde verändert zu haben und hatte jetzt einen kalten, grünlichen Ton.
Ich riss die Verandatür auf – die geborstene Scheibe fiel heraus und ritzte meine nackte Wade – und warf mich gegen die Holzlamellen des Schlagladens, um den Weg freizumachen. Tina schrie. Sie war aus dem Bett gesprungen und zu mir herübergerannt, doch ihre Füße hatten sich in der Bettdecke verheddert; sie stürzte. Ich sprang zurück in den Raum, während um uns herum die Hölle losbrach und ein infernalisches Bersten und tiefes Grollen den Weltuntergang anzukündigen schien. Tina war unverletzt; ich half ihr auf die Beine, und gemeinsam rannten wir zur Tür. Doch bevor wir das Freie erreichten, schwang das ganze Haus nach hinten und mit einem Stoß wieder nach vorn Richtung Meer. Die Holzveranda riss vom Haus ab, die Stahlstützen verloren ihren Halt im Fels, und die ganze Fläche, auf der wir gestern abend noch mückenumschwirrt eine romantische Flasche kalten Retsina unterm Mondlicht genossen hatten, polterte splitternd in die Tiefe.

Wir sprangen zurück. Ich sah noch, dass unten das Meer jede kristallene Klarheit verloren hatte, opak war wie Spülwasser, überzogen von Millionen kleinen Wellen wie eine Gänsehaut. Ein weiterer Ruck; wir fielen rücklings in den Raum, und auf dem Rücken liegend verbrachten wir die nächsten paar Sekunden, während die Erde unter uns sich aufzubäumen schien wie Lebkuchenteig in einem Rührgerät, bis das rabiate Schütteln in ein leichtes, arhythmisches Schwingen überging, ein Vibrieren, leises Summen. Bis Stille eintrat.

Staubwolken tanzten im plötzlich schräg wieder einfallenden Sonnenlicht; in der Teeküche tropfte der Wasserhahn, und einige Kilometer entfernt im Ort hörten wir das Aufheulen einer Sirene. Es war vorbei.
Es war vorbei, wir waren wie durch ein Wunder mit dem Leben davongekommen, obwohl wir um Haaresbreite mit der Veranda in die Tiefe gestürzt wären. Direkt vor der Tür nach draußen klaffte der Abgrund über einem nur noch sanft schaukelnden, wieder arglos ruhig daliegendem Meer. Agarven reckten malerisch ihre Blütenlanzen in den Morgenhimmel, als wäre das alles nur ein furchtbarer Traum gewesen. Tina stemmte sich als erste hoch und tastete sich zum Bett, krabbelte hinein und zog – als könnte das dünne Stück Stoff sie vor weiteren Katastrophen schützen – die Bettdecke bis ans Kinn.

Ich kam vor dem halb leergeräumten Sideboard zu Stehen und traute meinen Augen nicht: Der dampfende Kaffee hatte in seiner Tasse auf einem flacheren Bücherstapel das schwankende Inferno überstanden. Wie eben eingegossen ruhte die übervolle weiße Keramiktasse auf dem kleinen Tellerchen, und als ich das kleine Wunder anhob und zu Tinas Bett hinübertrug, merkte ich, das meine Hände zitterten. Jetzt erst kam die Aufregung, der Schock, und der sinkende Adrenalinspiegel schüttelte mich; ich schluchzte.
Auch Tina war kreidebleich; sie nahm die Tasse mit beiden Händen entgegen und überließ mir die Untertasse mit dem verwaschenen Goldrand und dem kaum noch lesbaren Hotelnamen darauf.
Kein Tropfen Kaffee war daneben gegangen.
Der Tag fing gut an.

(30.5.2015, fiktiv. Foto: Ägina 1998, Martin Keune)