immer leichter alles

Und da isser, der Fortschritt, jetzt sogar an einem zeitlosen Ort wie dem Bürgeramt, wo man nur alle zwölf Jahre mal hinmuss und immer gleich sieht: Hier ist alles wie immer.

Aber plötzlich kommt sogar dort der Fortschritt hin, plötzlich kann man im Internet eine Terminvereinbarung treffen, um sich überpünktlich noch ein paar Sekunden neben grazilen Mitbürgerinnen in die Wartesitzschalen aus Stahlblech zu kuscheln und dann, bing bing, wartezeitfrei an Schalter 23 zu eilen.

„Wir haben derzeit eine Verspätung von 25 Minuten“, sagt die Frau am Eingangstresen, „Bitte nehmen Sie Platz, bis Ihre siebenstellige Terminvereinbarungsbearbeitungsnummer aufgerufen wird“. Ich taste irritiert in der Jackentasche herum; reine Pedanterie hat mich die Mail ausdrucken lassen, und wahrhaftig, da sie, die Terminvereinbarungsbearbeitungsnummer; in meinem Fall die 5027061. Kein Mensch kann sich so eine Zahl merken; ich schiele rüber zur Anzeigetafel, um zu sehen, wie weit wir sind, und erschrecke. 5001409. Verdammt! Sollten wirklich noch 26052 Personalausweisbeantrager vor mir dran sein? Das wird eng! Aber da kommt schon, bing bing, die nächste Terminvereinbarungsbearbeitungsnummer auf das Display, die 6345619, und ich merke erleichtert, dass die Zahlen nicht aufsteigend, sondern zufällig eingespielt werden wie beim Bingo. Ich rutsche auf einen der roten Stühle zwischen drei leicht schläfrig wirkende, aber doch irgendwie grazile Mitbürgerinnen, die wie in einem geheimen Beschwörungsritual mit ihren schlanken Daumen auf den Handys herumtippen. Bing bing bing bing bing bing: Gleich drei neue Terminvereinbarungsbearbeitungsnummern erscheinen in wirrer Folge; ich brauche eine ganze Weile, um sicherzugehen, dass meine 5027 – ich sehe nach: 061 nicht dabei ist. Bing bing. 5027061? Nein; die letzten vier Ziffern stimmen, aber dafür gibt es nicht mal einen Trostpreis. Die Blonde im Jeansanzug links neben mir ist mitten in der SMS eingeschlafen; das ist gefährlich, denn die nächste Terminvereinbarungsbearbeitungsnummer kann ja schon die eigene sein.
Ein derrangiert wirkender Mitfünfziger taucht auf – noch derrangierter als ich selbst, meine ich; – er hat seine Terminvereinbarungsbearbeitungsnummer nicht dabei und muss zur Strafe eine blöde kleine 944 ziehen, die gegen meine 5027061 echt popelig aussieht, dafür nach drei Minuten ohne Vorwarnung einfach dran ist.
Frechheit! Die vermeintliche Terminvereinbarung entpuppt sich als sadistischer, kafkaesker Firlefanz. Wieso habe ich eine Terminvereinbarungsbearbeitungsnummer, wenn jeder Dreisteller auf die Überholspur gehen kann? Bing bing. Ich sehe auf; 5027…null… ich krame nach dem verdammten Zettel und vergewissere mich: 61. Das bin ich. Das ist meine Terminvereinbarungsbearbeitungsnummer. Ich bin dran und rausche siegessicher rüber zu Schalter 23.

„Der ist zu groß, der Kopf“, sagt die Frau an Schalter 23. Das habe ich das letzte Mal von meiner Mutter gehört, als die Presswehen kamen. „Den nimmt er nicht.“ „Wer ist er?“ will ich wissen, und sie sagt: „Ach doch.“ Und: „Wollen Sie den Daumenabdruck in den Ausweis aufnehmen?“ Ich sehe irritiert meinen Daumen an. „Warum denn das?“ – „Dazu haben wir ein Faltblatt“, sagt die Frau; „wollen Sie oder nicht? Die Entscheidung ist nicht wiederrufbar.“ Dann nicht. „Haben Sie zwischenzeitlich eine zweite Staatsbürgerschaft erworben?“ Ich schüttele den Kopf: „Nein, aber gern, was haben Sie denn da, albanisch?“ Sie lacht nicht. Ich zahle 28 Euro und 80 Cent. „Sie bekommen ein Schreiben von der Bundesdruckerei, ob Sie einen Datenchip auf dem Ausweis haben wollen.“ sagt sie. „Wofür?“ frage ich. Sie schiebt mir ein zwanzigseitiges Booklet über den Tresen. „Lesen Sie das durch und entscheiden Sie sich.“ Ich nicke ergeben, will helfen. „Brauchen Sie noch meine Terminvereinbarungsbearbeitungsnummer?“, will ich wissen. Nein, die braucht sie nicht. Das ist schade, denn die siebenstellige Kennziffer hat sich nach nur halbstündigem Üben für immer in den Ballastspeicher meines Frontalhirnlappens eingebrannt: 5027061. Die ganze Weisheit der Welt liegt in dieser Zahlenfolge, all der Fortschritt, der jetzt endlich auch im Bürgeramt angekommen ist.

Ein Kommentar zu “immer leichter alles

  1. Martin, das ist der Hammer, bitte zwingend in deinem nächsten Buch verwenden, dies schreibt dir jetzt Edith von Andreas Mobiltelefon und von Andrea solch dir sagen “ genau so isses und noch viel schlimmer “ Misses E + A

Kommentare sind geschlossen.