ich will musik hören, keinen zungenkuss

Ich will Musik hören, keinen Zungenkuss 

„Karger 4“ von Musik Mit Herrn Karger /MMHK

 

„Woll’n wir nicht ’ne Proben-Soap machen?“ – ja, gesprochen wird auch auf diesem Tonträger, mindestens beim letzten Stück, einer tingeligen Coverversion von „Wach (Küss mich bevor Du gehst)“ von Spliff.

Spliff, Spliff, klingelt’s da? Manne Praeker, die ehemalige Nina-Hagen-Band, … Lokomotive Kreuzberg?

Doch das selbstironisierende Plaudern am Ende der CD wirkt, als müsse man sich für das Titelchen schämen, als wäre es peinlich, überhaupt noch zu küssen mit Fuffzich, – als wäre das, was vor dreißig Jahren die Westberliner Kifferszene, die Punk-Attitude von Frau Hagen und die nur halb parodistisch gemeinte Anbiederung an den deutschen Schlager so schmissig verschmolzen hat, heute noch immer ein kleiner Tabubruch.

Nur: Damals kam die Musik aus einer ganz anderen Richtung. Wer Spliff hörte, hatte auch Punk gehört, den fröhlichen Nihilismus der Talking Heads goutiert, die „Atonal“-Festivals im Wedding besucht, Tuxedomoon im SO 36 gesehen. Spliff war da das kleine Sahnetörtchen, auf dessen Quietschigkeit und Süße man sich so gerade noch verständigen wollte. Und genau DAS machte den Charme aus bei Spliff: Dass man den Leuten auch echte Rohheit zutraute und nur mal für ein halbes Stündchen davon Abstand nahm, sie auch einzufordern.

MMHK traue ich alles Mögliche zu, nur nix Grobes. Diese Kredibilität fehlt, und nicht nur beim letzten Stück. Weil man das Gemeinste besser schon am Anfang sagt, sage ich es jetzt: wir haben es mit keiner neuen Spezies zu tun, keinem potenziellen Raubtier, das vielleicht nur zahm tut, um uns eine Sekunde später aufzufressen: Sondern mit einem Haustier. Einem stellenweise mehr als putziges, überaus kennenlernenswerten, aber: einem Haustier. Wer das schade findet, wer bei einer neuen CD selbst herausfinden will, ob sie ihn bereichert, schmerzt oder umbringt, ist hier falsch: Diese Musik bringt niemanden um.

Wobei es ja noch Abenteuer diesseits des Umgebrachtwerdens geben soll, die die Erfahrung lohnen. MMHK legt es allerdings nicht vorrangig auf Abenteuer an; sie trinkt sich eine bunte Dreiviertelstunde lang kapriziös durch eine gut ausgestattete Hafenbar des Erlebten, macht – mitunter etwas länger – Halt an verblichenen Urlaubsorten, entziffert erinnerungstränengewellte Etiketten mitgebrachter Liköre, die oft süß sind, meist einen etwas bitteren Ton haben, gut abgelagerte Fruchtigkeit, aber keinen Spritanteil, der einen aus der Kurve wirft. Bisschen Paleochora, bisschen Odeceixe, bisschen F-Kurs Tangoklasse: Haaaach ja. Schön. Man kann sich die auf Vintage gebürsteten Mitte-Cafés gut vorstellen, in denen zu dieser Konsensmucke geschwooft wird.

Nur Weltmusikgebimmel also, geölte Hippies mit Salonfähigkeit? Uff, zum Glück nicht. MMHK kann auch nerven, das ist selten eine gute Nachricht: Hier doch. Nerven nämlich mit dem Draufrumreiten wie weiland das Penguin Café Orchestra, nerven mit Penetranz, die ahnen lässt, dass dem einen oder der anderen im Quintett die eigene Wohlfühligkeit mitunter nicht mehr ganz geheuer ist. Und hey, MMHK kann Gitarren sprechen lassen wie Lou Reeds kleine Schwester, kann die Percussion synkopisch verschleppen wie einen verzweifelten Niesreiz – und erreicht so in den besten Momenten des hier Vorgetragenen eine träge, traumwandlerische Brillanz, die den Kauf der CD wirklich lohnt. Die ahnen lässt, dass da (demnächst hoffentlich!) noch viel mehr drin wäre, wenn sich die Band eine Spur weniger das Szenario vorstellen würde, in dem sie gern wahrgenommen würde… und einfach darauf vertrauen würde, dass schon irgendwie hinhaut, was sie da machen. Denn die besten Momente dieser an guten Momenten reichen Klangaufnahme sind da, wo das Ding aus der Spur gerät, wo einer plötzlich zu heftig losdrischt auf dem Wasauchimmerdasjetztistwasdazischt, wo die Gitarre twangy wird und das Geklimpere delirierend.

Eine Band, die man mal bekifft oder betrunken erleben möchte. Also, die Band, meine ich, nicht ich selbst. Unkontrolliert.

Und, um nochmal nachzutreten: Manierismus ist die gefährlichste Falle, die da im Raum steht. Dieses etwas zu genaue Wissen, wie das jetzt gerade klingen muss, dieses Ding. „Los, ich schnaufe und lasse so die Saite daneben mitschnarren und klopfe so’n bisschen aufs Holz bei dem Ton.“ Das ist nicht authentischer so, es ist wie Schmatzen beim Essen. Und wo ich das am wenigsten hören will, ist beim Gesang. Atmen, leichtes Schmatzen, dieses feuchte Klicken der Mundwinkel, Geschnalze und feuchtes Aneinanderkleben von Gaumen und Zunge: Das ist nicht sexy, es ist unappetitlich. Es ist, ja, manieriert. Ich will den Typ singen hören, keinen Zungenkuss. Danke.

Trotzdem, vieles ist sehr schön, wie es ist; manches ist genau richtig so. Selbstvergessenheit, swingende Beharrlichkeit, sehr gutes Handwerk und vor allem: die richtige Dosis Humor – das alles ist es, was „Karger 4“ in der Summe eben doch zu einer verdammt hörenswerten Art Kleinod macht.