ich, aber rückwärts

Die Cracks waren immer da, aber sie wechselten. Verwegene Einzelkämpfer, die schneidige Kurven um die Mädels herumfuhren – dünne Spakse, kurzärmelig in der Kälte, grimmig lächelnd. Oder auf Krawall gebürstete Trupps von vier, fünf Mann mit zwei kichernden Bewundererinnen, die sich an halsbrecherischen Stunts überboten, Scharten in die Eisbahn fuhren, – tiefe Kratzer, die die andern straucheln und fluchen ließen. „Nicht auf die blaue Bande setzen“, kam die Ansage über Lautsprecher. Die Burschen drückten sich am gepolsterten Bahnrand rum und rauchten. „Nicht gegen die Fahrrichtung fahren“. Gejohle. All diese Typen fuhren rückwärts, seitwärts, machten Sprünge und Pirouetten, gegen die das Übungsprogramm im Ringinneren fast akademisch wirkte. Dort trudelten Mädchen in dicken Wollstrumpfhosen und mit roten Wangen im Kreis; ernsthafte Gesichter, weit ausgebreitete Arme, flatternd irgendwie wie ein Schwarm Krähen auf den schrundigen Ackern vor der Stadt. Schnelle Schülerinnen, die weite Bögen in immer engere Kreise münden ließen, in rasendes Rotieren, aus dem Rockschöße, ein Strichschalende oder ein angewinkelter Arm herausragten wie Puzzleteile, die niemand mehr zusammen setzen konnte.

Ich selbst fuhr auf Nummer sicher. Ich riskierte nichts. Mich kannte hier keiner, ich musste nichts beweisen. Ich war an Stilfragen und Lernfortschritten nicht interessiert. Zweiundzwanzig Montage dauerte eine Saison; ich war immer pünktlich um halb acht da, bei jedem Wetter. Im Nieselregen, im Nebel, wenn die Leuchtwand an der Westkurve verschwommen durch das Grau des Berliner Abends schimmerte und das Eis unter meinen Kufen weich wurde. Oder an klirrend kalten Tagen, wenn beim Colatrinken am Bahnrand die Hand am Stahlgeländer kleben blieb. Ich drehte meine 25 Runden, ohne anzuhalten. Ich wich den Desperados aus, hängte mich nicht an die wohlgeformten Silhouetten der Primaballerinas und ließ in jedem dritten Jahr die Kufen schärfen. In jedem fünften kaufte ich frischgewachste Schnürsenkel, die das enge Schnüren meiner schwarzen Bauer-Schuhe erleichterten.
Rückwärts fahren konnte hier fast jeder – oder arbeitete daran. Ungelenke Wechsel von X- zu O-Beinen, zentimeterweises Rückwärtskommen nur, die ausgestreckte Linke immer griffbereit in Geländernähe. Jedes Jahr ging es etwas besser; nach vier, fünf Jahren war man über den Berg; die Bewegungen wurden flüssiger, die schmerzhaften Stürze auf den harten weißen Grund seltener.
Mich reizte das nicht – oder, ehrlich gesagt, mich reizte das durchaus, aber die Perspektive, diese kostbare Stunde des Zeitvergessens, des Gleitens in den Klängen der Discomusik gegen unbeholfenes Üben tauschen zu müssen, schreckte mich ab. Ich brauchte diese wöchentliche Meditation, das Michverlieren auf dem Bahnoval. Üben fürs Rückwärtsfahren: Das war was für Jüngere, für Ehrgeizige.
Für Jüngere. Inzwischen zählte ich selbst nicht mehr dazu. Früher hatte es immer ein paar alte Zausel auf Kufen gegeben, die ich amüsiert beobachtet hatte; dann waren mir die Senioren des Horst-Dohm-Eisstadions nicht mehr so als Kontrast aufgefallen – bis ich schließlich begriffen hatte, dass ich selbst auf dem besten Weg war, einer zu werden.

In mir fühlte sich alles immer gleich an. Die Bahn war die Bahn; sie führte in montäglich 25 Runden spiralförmig immer weiter in die Unendlichkeit, und ich selbst drehte fast träumend meine Runden, fuhr die Kurven weit aus. Versuchte, mit der Musik zu fahren, nicht gegen sie. Zählte. Atmete in der kalten Luft. Fuhr.

Vielleicht in der dreißigsten, der einunddreißigsten Saison passierte es. Bei einem schnellen, discomäßigen Wiener Walzer. Ich weiß, ich weiß, – es passiert immer beim Walzer, sagen die Leute, aber für mich selbst kam es komplett überraschend. Eins zwei drei, Eins zwei drei, vielleicht war etwas anders heute abend, vielleicht hatte ich den Takt mehr als sonst die Gewalt über meine Bewegungen übernehmen lassen. Vielleicht war in mir auch einfach etwas gereift, ein Wissen, ein Gefühl, – irgendetwas, das meine Füße und die Schuhe mit dem Eis abgemacht hatten, ohne meinen Kopf dabei einzubeziehen. Eins zwei drei, Eins zwei drei, meine Schultern dehnten sich zur Musik weit nach rechts, ich fuhr einen leichten Linksbogen — und machte im Zurückschnellen meines gespannten Körpers einen kleinen Hüpfer, der am Rhythmus und am Tempo nichts veränderte. Und doch alles anders machte. Denn ich fuhr rückwärts! Von einer Sekunde zur anderen war Vorne hinten, mein Körper machte routiniert das Richtige, als hätte ich dreißig Jahre lang diese Variante geübt. Ich sah über die Schulter, wich rückwärts fahrend Langsameren aus, zog weite Bögen auf der Außenbahn – wie immer. Der Walzer ging weiter; die Musik flutete meinen ganzen Körper mit einer warmen Woge plötzlichen Glücks. Ich hüpfte nicht mehr zurück in das, was ich dreißig Jahre lang gekonnt und gemacht hatte; ich fuhr rückwärts für immer.