horst und die liebe zur landschaft

Liebe zur Landschaft ist was Universelles, etwas, das auch anderswo stattfinden kann. Wenn man wie Horst im fernen Donaueschingen aufgewachsen ist, mit dem Vater zum Skilaufen gefahren ist, wann immer Schnee lag – wenn man jedes Jahr mindestens einmal in die Berge musste, dann ist es vielleicht erstmal nicht ganz einfach, sich an die eher sanften Hügel um Neuwerder zu gewöhnen.

Mit Horst bin ich Lilienthals Gollenberg hochgekeucht, für uns Hauptstadtjogger war das Steigung genug, und Horst hat wahrhaftig jede sportliche Herausforderung gesucht, die zu finden war. Den kargen brandenburgischen Wintern hat er stundenlange Langlauftouren abgerungen, und seine Loipe am schattigen Waldrand bei Schönholz war oft das Letzte, was der Frühling dem Winter noch weglecken konnte. Solange das Eis auf dem Kleeßener See trug – und die dünne Matsche auf dem Neuen See im Berliner Tiergarten! – war er auch dort mit den Skiern unterwegs, mehr als einmal mit nassem Arsch.

Horst war ein Landjunge, einer, der sich unter freiem Himmel am wohlsten fühlte, und den gab es nicht nur in Donauseschingen und den Alpen, der spannte sich auch fahl und kalt und gleichgültig über Berlin – wo wir in dreissig Jahren Freundschaft gut zwölf Jahre zusammen wohnten – , und viel fernen Himmel gab es vor allem auch über Neuwerder, über den Äckern, den Gräben Richtung Dreetz. Wenn der Frost das Wasser aus den Gräben auf die Felder drückte, packte Horst die Schlittschuhe aus: Er war einer, der jede Chance zum Rauskommen genutzt hat.

Nochmal rauskommen, rauf in die Berge, rein in den Schnee: Das ist sein sehnlichster Wunsch gewesen, und es hat in den vergangenen Wochen oft nicht mehr sehr danach ausgesehen. Aber als die Ärzte nichts mehr tun konnten und Horst fast zu schwach war zum Laufen – da war der Himmel über den Bergen immer noch da. Und der Teufelskerl hat sich noch mal Kraft angefressen und jeden Tag auf die Straße geschleppt und gewollt – gewollt.
Ist mit Silke frühmorgens schon aufgebrochen nach Südtirol.

Im Handy habe ich ein verwackeltes Bild, das Silke geschickt hat. Da steht einer, Horst, in Unmengen Schnee. Ein schmales verschattetes Gesicht, Walking Sticks, viel zu große neonfarbene Skijacke. Es ist nicht viel zu erkennen auf dem Foto, aber eins ist ganz sicher: Da ist einer unter dem Himmel der Berge zuletzt noch sehr glücklich gewesen.

Horst Christian Gass *8.5.1955 · † 21.1.2014 Ritten, Südtirol