hoffentlich sieht mich keiner

„Das ist nicht mein Hund”, müsste auf meinem Laufshirt stehen, oder „Rosis Hundesitter”. Hoffentlich sieht keiner, wie die kleine schwarze Töle mich quer über die dichtbefahrene Budapester Straße in den Tiergarten zerrt, als wöge sie selbst achtzig Kilo, nicht ich. Nein, zwanzigmal den Hundenamen rufen hilft da gar nichts. Der Hund weiß, wo er hinwill: Auf die Kackwiese. Es hat wenig Sinn, über Bewegungsdrang, Spielfreude oder Ähnliches zu räsonieren: Erstmal wird auf die Wiese geschissen – auf das sonnigste, leicht geneigte Plätzchen, wo im Frühling Liebespaare schmusen und kleine Kinder Gänseblümchen und Gras in den Mund stopfen. Zum Glück ist nicht Frühling, sondern tiefer Winter; ich habe klobige Handschuhe an und fummele so einigermaßen geschützt den dampfenden, weichen Haufen in die mitgebrachte (und, natürlich!, vorher als Dichtetest aufgeblasene) Plastiktüte. Luftanhalten hilft, doch für einen Moment frage ich mich, was im Sommer wird, wenn ich leichtbekleidet durch den Tiergarten trabe und die dicken Handschuhe ein seltsames Accessoire dazu abgäben.

Doch der Hund will weiter, läuft jetzt druckgemindert in moderater Gangart neben mir her. Eine Radfahrerin kommt uns entgegen, und ich empfinde jähen Stolz, wie ich da – eins mit der schwarzen Kreatur neben mir – über den Parkweg renne; das Kacktütchen wie eine eben frisch gejagte Trophäe am weit ausgestreckten Arm: Seht her, ein verantwortungsbewusster Hundehalter, einer, der weiß, was sich gehört, der die Grenzen zivilisatorischen Verhaltens kennt und respektiert.

„Das Vieh muss an die Leine!” brüllt die Radfahrerin mich an, aber dafür ist es zu spät. Vielleicht hat der Hund auch an Trophäen gedacht, vielleicht hat er nur einfach bessere Augen als ich oder, sicherlich, eine bessere Nase – noch immer atme ich flach und entsorge die pralle Tüte endlich in einem Papierkorb neben einer Bank. Doch da hat die echte Trophäenjagd schon eingesetzt; der Hund hat ein Karnickel entdeckt und rast in einem Tempo hinter dem flauschigen Etwas her, das jeden Vergleich mit meinem Joggingschritt lächerlich macht. Ich schreie, pfeife und springe auf der Stelle, aber der Stadthase verlässt sich zu Recht nicht auf die Wirksamkeit meiner Kommandos und schießt im Zickzack über die Wiese. Ich kann nicht hinsehen, wie die niedlichen Fellöhrchen von gierigen Hundelefzen in Fetzen gerissen werden, und blicke mich mit eingezogenen Schultern nach Parkwächtern, Polizeipatrouillen oder entsetzten Augenzeugen des Massakers um. Doch das Parkvolk tut, was es immer tut, und würdigt das tödliche Rennen mit keinen Blick. Unterdessen ist der Hund auch offenbar zu der Einsicht gekommen, dass der leckere kleine Hasenbraten schlicht zu schnell für ihn ist, und wendet sich desinteressiert ab. Mein Adrenalinpegel sinkt, ich schnappe nach Luft, bin fast enttäuscht vom Ausgang der Hasen-Hatz und schimpfe pädagogisch motiviert ein bisschen mit dem schwarzen Jäger.

Doch der scheint sich vor Lachen über meine Vorwürfe auf dem Boden zu wälzen. Die Beine zappeln in der Luft, der Rücken streift wieder und wieder durch das schmutzige Gras. Ein epileptischer Anfall? Erst jetzt bemerke ich die Federn, das Blut, und verstehe. Eine tote, halb verweste Krähe scheint die Parkecke zu einem Duftwunder zu machen, einem Ort, wo man sich als Hund suhlen will, um möglich lange und möglichst intensiv selbst ebenfalls wie ein toter Galgenvogel zu riechen. Jetzt renne ich selbst wütend hinter dem Hund her, und als er schließlich gut gelaunt ankommt und gestreichelt werden will, könnte ich kotzen, so stinkt das Biest.

Der Park ist schon fast durchquert, meine morgentliche Laufrunde geht dem Ende entgegen, da duckt sich der Hund plötzlich schwanzwedelnd auf den Boden. Was jetzt – ein Erdbeben? Auf dem Parkweg kommt uns ein harmlos wirkender dicker Mann entgegen, und spät, viel zu spät, sehe ich die Hundeleine in seiner Hand. „Wenn andere Hunde da sind, nimm sie besser an die Leine”, klingelt es mir in den Ohren, „ein bisschen läufig ist sie noch”. Ein bisschen läufig? Gegen jede Gewohnheit folgt der Hund meinem Pfiff, lässt sich willig anleinen, aber während ich mich noch über das verflucht fummelige Halsband beuge und dem näher kommenden Hundehalter verzweifelt „Mein Hund ist läufig” entgegenbrülle – wo ist eigentlich seiner? – kündigen Ästeknacken und begeistertes Gekläffe neben mir schon an, dass mein schwarzer Laufpartner heute weitaus attraktiver ist als jedes Karnickel – jedenfalls für Schweppi, der da aus dem Unterholz bricht. Nein, der Name steht nicht in Großbuchstaben an der Flanke des fremden Rüden, den Namen erfahre ich zusammen mit vielen anderen Details aus einem langen Hundeleben in den kommenden zwanzig Minuten, als ich mit dem Mann mit der Hundeleine in der klammen Kälte stehe und darauf warte, dass die zwei Arsch an Arsch verkeilten Turteltauben endlich fertig sind mit dem, was sie da machen. Schweppimann ist begeistert. Für Schweppi ist es das erste Mal, und für mich auch. Mit roten Ohren beobachte ich das Naturschauspiel. Der Hund hat eine innige Viertelstunde; ich selbst hole mir einen Schnupfen.

Mit weichen Knien laufe ich die letzten paarhundert Meter nachhause. Das läufige schwarze Sexmonster neben mir würdige ich keines Blickes.

Rosi hat unterdessen im Bett zwei Tassen Kaffee getrunken und schläfrig in der Zeitung geblättert. Die Sonne fällt durchs Fenster, und der Hund macht ein paar freudige Hüpfer und springt in ihr Bett. Sie lacht. „Na, Ihr zwei Läufer”, begrüßt sie uns, „hattet ihr Spaß zusammen?” Dann wedelt sie prustend mit der Hand vor der Nase. „Offenbar! Nimmst Du sie mit unter die Dusche?” Aber so weit geht meine neue Hundeliebe dann doch noch nicht, ich bin nur der Nachbar. Fremde Hunde shampoonieren: Irgendwo muss auch eine Grenze sein, die respektiert werden muss.