gotteston

Im Schlaf will ich nicht sterben, jedenfalls nicht mittags. Unsere trendsüchtige Gesellschaft hat sich ja aus dieser und jener Philosophie allerhand Trend-Bausteinchen zusammengepflückt, und Inemuri – ein japanisches Doppelwort aus „anwesend sein“ und „schlafen“ – Inemuri, Power-Napping, also das, was früher etwas herablassend „Nickerchen“ genannt wurde: Inemuri ist schon seit Jahren ein Megatrend. Nur traut sich keiner, das wirklich zu machen. Nicht im Großraumbüro jedenfalls, nicht in der Personalküche, am Schreibtisch. Wenn einer kuckt und sieht, der Kollege pennt: wie sähe das denn aus. Da könnte ja jeder kommen. Es wäre peinlich, besorgniserregend, es wäre unschicklich. Kann noch so gesund sein: Man tut es nicht, nicht hier, in Deutschland, wo Dienst Dienst und Pflicht Pflicht sind. Dazwischen ist kein Platz für irgend einen japanischen Akt der Selbstsabotage.

Aber kennst Du das Gefühl, wenn Dich alles zu Boden zieht? Wenn Augen schließen der dringendste Wunsch ist, nur loslassen, ausschalten, absacken in eine winzig kleine tiefe Dunkelheit? Nach dem Essen, mittags, ist es übermächtig. Ein kleiner Neustart des Betriebssystems, alle Armaturen auf Autopilot, nur kurz alles vergessen, nichts wissen, nirgends sein.
Ich kann das, ich kann das sehr gut. Ich habe eine Yogamatte im Personalklo-Regal, ganz oben, zusammengerollt, dickes weiches Ding das. Ausrollen, ausstrecken, den Timer im Mobiltelefon sicherheitshalber auf elf Minuten stellen und genau wissen: neun reichen, auch heute. Nach neun Minuten von selbst aufwachen, frisch, ausgeruht wie nach einer ganzen Nacht Schlaf: Das ist wundervoll.

Im Schlaf sterben will ich nicht, jedenfalls nicht im Personalklo. Wenn sie mich so finden könnten: Das wäre mir, posthum, unangenehm. Heute habe ich beim Wegsacken noch einen einzigen tiefen Ton gehört – doch, man kann auch träumen in den neun Minuten, tagelange Träume passen in diesen kleinen Augenblick – (das ist vielleicht das ganze Geheimnis der Erfrischung). Ob ich den tiefen Ton noch gehört oder schon geträumt habe, kann ich gar nicht sagen, aber er war so voll, so warm, so tönend und weich und so voller Assoziationen und winzigen Nebengeräuschen, voller Klang und Fülle und Inbrunst, dass ich noch im Einschlafen dachte „seltsam, immer all die Musik zu hören und jetzt zu lernen, dass das alles in einen einzigen Ton passt – wie all die Träume in neun Minuten“. Ich musste lächeln über diese Erkenntnis, – „Gotteston“ dachte ich noch lächelnd, „das erste, letzte, das einzige Geräusch, das alles enthält“, und lächelnd dachte ich „ich? jetzt?“, und mit einem lächelnden Stirnrunzeln „hier?“. Doch dann bettete ich mich weich auf der Erinnerung an diesen einen, einzigen, Alles-Ton: und schlief.