gestern hat hitler meinen schwiegervater aus dem fenster geschubst

89 sein, 52 Kilo wiegen, dieses oder jenes Wehwehchen haben: Das macht einen angreifbar für alles Mögliche, auch für Erinnerungen und Schuldgefühle, die einem gar nicht unbedingt ganz allein gehören. Was Deutschland verbrochen hat an den Juden und an anderen, hat mein Schwiegervater – bei Kriegsende 17 Jahre jung– erst im Rückblick in vollem Umfang mitbekommen.

Die bittere Nachhilfestunde in Sachen Schuld war die Hochzeit seiner Schwester Inge mit Edwin Singer, der 1939 mit den Kindertransporten von Berlin nach London gerettet wurde – und dessen gesamte Familie deportiert und ermordet wurde in Auschwitz und in Skawina.

Dieses plötzlich so hautnahe, familiär gewordene Wissen um diese Gräueltaten muss meinen Schwiegervater tief berührt haben. Und immer dann, wenn in den letzten Jahren der Natriumspiegel abrutschte in Richtung Hyponatriämie, wenn die Elektrolyte durcheinanderpurzelten in seinem alten Kopf, – immer dann war sie da und scheißlebendig, die Schuld-und-Angst-Geschichte. Dann gab es plötzlich düstere Verhörkeller tief unter dem Krankenhaus, wo man die Schreie der Gefolterten nicht hören konnte. Es gab Gaskammern in jedem Krankenzimmer, als Bad getarnt, und die Pfleger waren uniformiert. Nachts jagten die Wachhunde die Krankenhausgänge hinauf und hinunter, und selbst wir, die Familie, waren übergelaufen, bereit zur Denunziation, zum Ausliefern an diese Menschenschlächter.

Doch der Alte war ja ein schlauer Bursche, der den geheimen Code erkannte, der sich nicht einfach zur Hinrichtung abholen ließ, von denen nicht. Er war auf der Hut. Und als der Arzt im Auguste-Viktoria-Krankenhaus gestern bei der Visite erwähnte, man wolle ihn nun morgen nachhause entlassen, man sei schon dabei, den Transport zu organisieren – da war der alte Mann plötzlich hellwach. Transport: Dieses eine Wort entschied alles Weitere. Jetzt stand er also bevor, der Transport. Jetzt würden sie auch ihn dahin bringen, wo sie alle anderen hingebracht hätten, in das unaussprechlich Furchtbare, die Vernichtung.

Dass seine Tochter gleich zu Besuch kommen wollte mit einem frischen Bademantel, Obst und Biosaft – das war sicher nur Teil des Plans, ihn hinzuhalten. So viel Zeit hatte er nicht mehr. Sollte er bei der Flucht die Schuhe anbehalten oder ausziehen? Anbehalten! – und besser die Schnürsenkel doppelt knoten, um nicht noch irgendwo hängen zu bleiben. Vom Fenster an der Westseite von Station 7.2 des Auguste-Viktoria-Krankenhauses konnte er, wenn er weit genug sprang, ein Stück Rasen erreichen, das hier vom zweiten Stock aus allerdings verdammt klein aussah. Von da bis zum kleinen Park waren es nur ein paar Schritte. Ob er nach einem Sprung aus 7 Meter Höhe noch würde laufen können, das konnte er jetzt nicht mehr überlegen; denn da kam schon eine der Schwestern schreiend hinter ihm auf das Fenster zugerannt, über dessen Brüstung er sich in dieser Sekunde stemmte.
Sie würden ihn nicht kriegen. Die nicht.

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(„Angst verleiht Flügel“, heißt es, und vielleicht ist er wirklich ein Stück weit geflogen und hat sich darum bei der Landung nur das Sprunggelenk, Knie, Oberschenkel, Becken und den Unterarm gebrochen und nicht das Genick. Tags drauf jedenfalls, im Krankenhaus am Friedrichshain, konnte er schon wieder spinnen, schimpfen und Punkte auf Hemden sehen, wo keine waren. Und die Geschichte der – aus seiner Sicht durchaus geglückten – Flucht erzählen. Was bleibt, ist ein deutlich verlängerter Krankenhausaufenthalt mit allerhand Operationen unter der Obhut einer wachsameren Psychiatrie. Was bleibt, ist ein Groll auf die scheuklappige Innere Abteilung des AVK, die eine Blasenentzündung kuriert – und eine lebensgefährliche Bewusstseinstrübung zweifellos wahrgenommen, aber nicht darauf reagiert hat. Eine halbe Station voller Verwirrter – und man kann die Fenster öffnen? Sensationell fahrlässig bis an die Schadensersatzgrenze und darüber hinaus!

Was bleibt, ist aber auch ein neues Bewusstsein für eine alte Angst. Wie ein Virus aus der Saurierzeit steckt das Grauen in unseren Knochen, das Wissen, was vielleicht nicht wir persönlich, aber Menschen vor uns und nach uns anderen angetan haben und antun können. Hitler – nur ein untaugliches Synonym für das menschenmögliche Böse – Hitler braucht keine unterirdischen Folterverliese, um auch nach 75 Jahren noch seinen Blutzoll zu fordern. Er kann noch immer – nur durch den Stahlatem der Angst, den ätzenden Nebel der Schuld – ein dünnes Hemd wie meinen Schwiegervater aus dem Fenster schubsen. Weil es ihn gab, und weil, wenn Auschwitz möglich war, jederzeit ALLES möglich ist; auch das Allerschlimmste. Die Gaskammern in den Patientenzimmern hat mein Schwiegervater sich diesmal nur eingebildet. Die Bedrohung war irreal, aber die Angst vor ihr war es nicht.)

Ein Kommentar zu “gestern hat hitler meinen schwiegervater aus dem fenster geschubst

  1. Ganz schlimm… aber wie bei Allem eigentlich, was mit Krieg zu tun hat.. Damals gab es keine Psychologen/therapeuten/analytiker usw., die denen, die den Krieg wie immer auch (an der Front oder zu Hause und möglicherweise ausgebombt oder eben in steter Angst um den Sohn, den Mann, usw…) erleben mussten, irgendwie zu Hilfe geeilt wären… Ich denke, ALLE von damals, haben irgendwo einen „weg“ gekriegt, und wenn man es ihnen auch vielleicht nicht anmerkt, irgendwo drinnen im Unterbewusstsein schlummert das ganze Grauen… wirklich schlimm! Und umso schlimmer dann, dass es heutzutage nicht besser ist und sooo viele Kriege geführt werden. 🙁

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