Erinnerungen

Wir sind uns wahrscheinlich zum ersten Mal 1979 begegnet. Martin besuchte eine Freundin in der Bielefelder WG, in der ich damals lebte. Ein junger Mann mit langen roten Haaren und wachen, abenteuerlustigen Augen, denen nichts entging. Wir erregten uns damals über einen Nachbarn, der es gewagt hatte, in seinem Schrebergarten die Fahne des Freistaats Bayern zu hissen, eine ungeheure Provokation wie wir fanden. Wir redeten und redeten, gingen irgendwann ins Bett und am nächsten Morgen lag ein Tuch mit blauweißen Rauten auf unserem Küchentisch. Martin hatte die Fahne in der Nacht kurzerhand eingeholt, das Problem aus der Welt geschafft und uns zu Maulhelden degradiert. Im Dezember war Martin wieder zu Gast und bewunderte einen überlebensgroßen aufblasbaren Weihnachtsmann in unserer WG-Küche, dem wir an einer Tankstelle in einem unbeobachteten Moment eine Mitfahrgelegenheit geboten hatten. Eine gehörige Portion Sand in den Füßen verhalf ihm zu einer gewissen Standfestigkeit. Wir überlegten, was wir mit dem Monstrum anfangen könnten und dann entstand die Idee, ein Zeichen gegen den Konsumrausch und die ganze Verlogenheit des Weihnachtsfestes zu setzen: der Weihnachtsmann sollte Selbstmord begehen, weil er das alles nicht mehr aushielt. Das fanden wir komisch und entlarvend und wir hätten uns wohl allein an der Idee berauscht, allerdings saß auch Martin mit am WG-Küchentisch und das führte dazu, dass ich am nächsten Abend mit ihm auf dem Dach des Karstadt-Kaufhauses in Bielefeld stand und zwischen uns, der riesige luft- und sandgefüllte Weihnachtsmann. Wie wir das Ding in den Aufzug gequetscht hatten und wie wir es geschafft hatten aufs Dach zu kommen, weiß ich nicht mehr. Ich ging hinten und Martin vorne. Wir blickten in die Tiefe, wo in der dicht bevölkerten Einkaufszone unsere Komplizen standen und hektische Zeichen gaben.
Wir führten den Weihnachtsmann bis zur Dachkante und dann sprang er, landete auf dem Vordach von Karstadt, wo die Luft aus ihm entwich. Es gelang uns, ungesehen zu entkommen und noch jede Menge Anklageschriften zu verteilen, in denen der Weihnachtsmann, die Gier und Gefühllosigkeit der Menschen und den Kapitalismus allgemein für seinen Selbstmord verantwortlich machte. Die Lokalpresse sprach von einem geschmacklosen Scherz. Ohne Martin würde der Weihnachtsmann wohl heute noch leben, es war seine unbändige Lust an der Aktion und der Provokation, die ihn und uns aufs Karstadtdach getrieben hatten. Kurz darauf rief er aus Berlin an und bat mich, einige Auftritte für die Gruppe „Fliegenpilz“ klar zu machen, mit der er auf Tournee war. Er spielte in dem Folk-Rock Ensemble Mundharmonika, was mich überraschte, denn ich hatte ihn noch nie mit diesem oder irgendeinem Instrument in Verbindung gebracht. Während wir die Details besprachen, erzählte ich ihm, dass wir in der WG gerade Ärger mit Kakerlaken hätten. Das sei überhaupt kein Problem, erklärte Martin, zwei der Bandmitglieder seien Kammerjäger. Der von Martin kunstvoll bemalte Bandbus parkte vor unserem Haus, die Kammerjäger taten ihre Arbeit und am Abend machten sie Musik. Martin hatte nur zwei kurze, aber äußerst eindrückliche Einsätze, er war alles andere als ein Virtuose auf seinem Instrument, aber er besaß eine genaue Vorstellung davon, wie ein Mundharmonikaspieler auszusehen und aufzutreten hatte, jede Faser seines Körpers schien durchdrungen von dieser Vision und so wirkte er an diesem Abend überzeugender, als die anderen Musiker, die ihre Instrumente tatsächlich beherrschten.
Es war undenkbar, dass man Martin einfach nur so besuchte, um zu reden, es geschah immer etwas. Kaum hatte man beispielsweise das Café Barrikade im Wedding betreten wurde man gebeten, ein Flugblatt gegen einen Bausenator zu verfassen, den man gar nicht kannte
und dann klingelte das Telefon und wir mussten zu einer spontanen Demo zum Nolli oder zum Stutti, das weiß ich nicht mehr so genau. Wir befanden uns wohl am Ende der Telefonkette, jedenfalls herrschte eine merkwürdige Stille, als wir aus dem U-Bahnschacht stiegen. Wir blickten nach rechts und sahen in sehr weiter Entfernung unsere Mit-Demonstranten. Dann sahen wir von links eine Hundertschaft Polizisten auf uns zukommen, sie trommelten mit den Schlagstöcken auf ihre Schilde und sahen aus, als würden sie keine Gefangenen machen. Zu meinem Schrecken schien Martin ernsthaft zu erwägen, sich der Übermacht entgegen zu stellen, doch dann schüttelte er bedauernd den Kopf und sagte ganz ruhig: „Hans, wir müssen rennen“ und das taten wir dann für die nächsten 30 Minuten. Das war eigentlich das einzige Mal, das ich ihn vor etwas weglaufen sah.
Von allen meinen Freunden hätte ich bei Martin am wenigsten erwartet, dass er mal sterben könnte, ich habe eigentlich überhaupt nicht damit gerechnet. Er wirkte immer energetisch aufgeladen, war voller Pläne und Ideen, er stand ständig unter Strom aber in einer guten Art. Es wirkte auf mich unangestrengt, geradezu entspannt, wie er mehrere Leben gleichzeitig führte. Wäre er eine literarische Figur gewesen, dann hätte man ihn als unglaubwürdig empfunden, man hätte gesagt, so viele Facetten kann ein Mensch gar nicht in sich vereinigen, das müsste man auf mehrere Charaktere verteilen. Aber Martin hat wirklich gelebt und er hat jede Herausforderung angenommen, er hat keinen Kampf verloren gegeben. Sein Optimismus war unerschütterlich, seine Kraft anscheinend unerschöpflich. In seiner Anwesenheit schien immer alles möglich. Jetzt müssen wir die Bayernfahnen selber einholen und die Weihnachtsmänner vom Kaufhausdach werfen. Martins unfassbare Energie ist auf einmal freigesetzt und steht nun uns allen zur Verfügung. Wir sollten reichlich von ihr Gebrauch machen, Martin würde das gut gefallen.

Hans Zippert, Martins ältester Freund