einer von uns

Vor siebzig Jahren brachte ein kritischer Brief übers Hitler-Regime Axel Rudolph aufs Schafott. Jetzt kämpft ein Dorfbürgermeister dafür, einem Platz seinen Namen zu geben. Alfred Mantau, Bürgermeister, nein: Ortsvorsteher im westhavelländischen Semlin, hat meinen „Groschenroman“, die Biografie des Schriftstellers Axel Rudolph, der von 1936 bis 1943 im Dorf lebte, gelesen – und ganz praktische Schlüsse daraus gezogen. An den großmäuligen Lebenskünstler, der vom Obdachlosen zum Vielschreiber der Trivialliteratur aufstieg und nach einer Denunziation von der Gestapo verhaftet wurde, soll im Dorf erinnert werden. Der zentrale Dorfplatz, an dem das Gemeindehaus, die „Bauernstube“ und der Friedhof liegen, soll fortan den Namen des lange vergessenen Hallodris tragen. Und weil Alfred Mantau die Sache auf feste Füße stellen will, hat er einen Brief in jeden Hausbriefkasten geworfen und um Stellungnahme gebeten. Die fällt einstweilen ganz überwiegend positiv aus, und auch der Presse ist das Vorhaben einen großen Artikel mit Foto wert. Semlin will seinen Axel-Rudolph-Platz!

Nur ein einsamer Heckenschütze aus Hamburg, Ex-Semliner, nimmt das Vorhaben in einer eMail unter Beschuss. Der Ehebrecher und Kriminelle Rudolph, der sich aus zurückgewiesener Liebe mit seinem Brief in den Freitod per Hinrichtung gestürzt habe, für dessen Ausführung er selbst zu feige gewesen sei – dieser Hallodri sei des Erinnerns nicht würdig.
Dass eine Platzbenennung nicht den Lebensweg eines Individuums prämieren muss, sondern ganz simpel an erlittenes Unrecht erinnern kann, scheint im Kosmos des Zwischenrufers keine Option zu sein. Wie ihm das Berliner Mahnmal für die nationalsozialistischen Opfer unter Homosexuellen oder – im Bild – der beeindruckend schöne schwarze See für die ermordeten Roma und Sinti gefallen würde, will ich lieber gar nicht erst in Erfahrung bringen.

Ein Kommentar zu “einer von uns

  1. Auch Manfred Schmidt aus Semlin ist gegen die Platzbenennung. In einem Leserbrief in der MAZ schreibt Schmidt unter der Überschrift „Ein Selbstmörder als Dorfheld“, Rudolph sei in Semlin schon genug geehrt; demnächst folge noch die Taufe des Sees zum „Axel-Rudolph-See“. Überhaupt sei der Mann nicht ermordet, sondern aus eigenem Verschulden hingerichtet worden.
    Klar, dass das nicht unwidersprochen bleiben kann. Neben einem Leserbrief von mir, der sich gegen die Rechtmäßigkeit der Volksgerichtshof-Urteile wendet (die ja sogar gesetzlich aufgehoben wurden und nur Mord genannt werden können), gibt es auch eine geharnischte Antwort von Dieter Seeger aus Rathenow, der dem Benennungsgegner unter der Überschrift „Manfred Schmidt erschlägt Axel Rudolph ein zweites Mal“ eine schallende Ohrfeige verpasst.

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