Ein Job wie alle

Ich weiß auch nicht, was mich damals geritten hat, bei den Vorbereitungs-Geschwadern anzuheuern. Ja ja, die Kohle, die extralangen Urlaube (ehrlich, wieviel Urlaub hat man sich verdient nach einem Siebzehn-Jahre-Flug?), die Abenteuerlust. Das ist alles lange her, lange vorbei, und was das Abenteuer angeht: Das sackt der Captain immer noch am liebsten selber ein.

Das Ding heißt Erde, dünn besiedeltes Stück Dreck irgendwo hinten links in der Milchstraße. Muss schon eine Weile vor der „gewichtigen Erkenntnis“ aufgestöbert worden sein, aber natürlich konnten wir erst hin, als die kleine gentechnische Veränderung in den Köpfen uns den Gravitationssinn beschert hat – Du weißt schon, Schwung holen, Anziehung nutzen, Umlaufbahnen diagonal schneiden: der ganze Scheiß, für den wir früher Kolonnen von Astromathematikern gebraucht haben und die heute jeder Fluganfänger intuitiv beherrscht. Eine Intuition, die Dich zuverlässig auf dem allerkürzesten Weg in die verdrecktesten, rückständigsten Ecken der Galaxis bringt – so wie uns diesmal zu dieser dampfenden Kotkugel namens Erde.
Der Captain ist ein verdammter Schwafelkopf, aber da unten zahlt sich das aus. Von wo wir kommen, wohin wir wollen und vor allem: wann wir wieder gehen müssen – keiner packt das in salbungsvollere Worte als er. Das genau ist ja der Plan, das Salben, das große Einfetten – damit es flutscht, wenn wir in ein paar tausend Jahren wiederkommen. Damit nicht irgendwelche Primaten mit Steinen nach uns werfen, sondern Plätze, Tempel, Kathedralen für uns errichtet sind. Damit wir sehnlichst erwartet werden, nicht intuitiv bekämpft.
Die Sache läuft immer ähnlich. Irgendwann ist eine Population reif für die Salbung, macht den kleinen Schritt vom Machen zum Fragen, und dann müssen wir da sein und einfache Antworten haben, damit gar nicht erst einer auf dumme Gedanken kommt. Dann müssen wir einen wie den Captain absetzen, einen, nach dem sie anschließend die Zeitrechung benennen, für den sie Kriege führen, ihre Kinder opfern.
Klar, das kann auch schief gehen. „Alles eine Frage des Timings“, sagt der Captain gern, und das ist ernst gemeint – schließlich will er gern zurück an Bord und nicht die nächsten paarhundert Jahre auf einer Zumutung wie der Erde zubringen.
Und weil unserer Teleporter reif für den Schrottplatz ist, schafft die Kiste vielleicht 15 oder 20 Kilometer – und nicht ein paar hunderttausend wie die Hi-Dist-Module, die sie jetzt neuerdings für interstellare Staatsbesuche einsetzen.
Also muss ich verdammt nah dran sein, wenn der Captain die Mission beendet, verdammt nah dran. Das hat dann vielleicht doch was mit Abenteuer zu tun und jedenfalls mit gutem Timing, denn diese Erde und der eine Mond, den sie nur zu haben scheint, wirbeln umeinander wie meine Eier beim Cha-Cha-Cha. Und der Captain darf ja nicht einfach weg sein, er muss „sterben“, er muss eine „Leiche“ abgeben, sich waschen und pudern und einwickeln lassen und brav warten, bis die ganzen rückständigen Rituale durch sind. Und dann erst auffahren zu den Göttern, „sitzend zur Rechten Gottes, von dannen er kommem wird, zu richten die Lebendigen und die Toten.“
Ich meine, klar Mann, das werden wir, präziser kann man kaum ausdrücken, was der Plan ist – aber erstmal muss ich den Boss hier raufholen, und das ist eine Frage der Nähe. Der erste Frühjahrsvollmond da unten – vier Jahreszeiten, wenn ich den Captain richtig verstanden habe – läutet den Countdown ein; der Boden ist bereitet, die Salbe ist verschmiert, es darf gestorben werden. Vierzig Erdentage später stehen die Planeten günstig; ich fühle es schon eine Weile vorher als wohliges Ziehen zwischen den Schulterblättern, als Kribbeln an den Schienbeinen, und meine Fingerknochen knacksen. Hab’ den Erden-Vormittag hinter dem Jupiter vertrödelt und Musik gehört, alleine und nackt in der Schwerelosigkeit, – aber gegen Mittag dreht mein Schiff ganz von selbst die Nase in die richtige Richtung, es ist wie bergab rollen, ein Sog, ein Sausen. Die Erde ist – wenn man dann so nah drüber wegschmettert bei Nacht – eine seidig glänzende, dunkle, feuchte Masse; ein Suppentopf, der nach Sellerie und Sperma und Gärungsgasen stinkt.
Das sind die Minuten, in denen ich diesen Job liebe, und weil ich weiß, dass der Spaß bald vorbei sein wird, lasse ich das Schiff ein paarmal schnell um die eigene Achse rotieren, bevor ich den Teleporter anschalte, das Peilsignal empfange und den kitschig großen Hebel runterdrücke.
Peng, – der Captain setzt sich erstmal auf den Arsch; er sieht wirklich verfault aus und riecht auch so; die Einbalsamierung ist ranzig geworden, und weiter als bis zu seinem Bauch sehe ich lieber nicht an ihm runter. Er sieht mich und hebt eine flache Hand vertikal vors Gesicht, sagt „Friede, Bruder“ und ähnliche Reste seiner Rollensprache. „Lass gut sein, Jesus,“ knurre ich ihn an – obwohl ich insgeheim doch froh bin, hier oben wieder Gesellschaft zu haben für die nächsten 17 Jahre Rückflug.
Zwanzig Minuten später ist der Capatin geduscht und umgezogen, und ich schiebe uns eine Pizza Familiale in die Mikrowelle. „Erzähl“, sage ich, aber Jesus, der coole Hund, zuckt nur mit den Achseln. „Ein Job wie alle.“

Ein Kommentar zu “Ein Job wie alle

  1. hi herr keune,

    das ist eine sehr unterhaltsame geschichte. wer hat aktuell die filmrechte? und die linke?
    beste grüße aus einem kleinen staubkorngroßen hintersten südöstlichen winkel, nahe dem nie enden wollenden bau eines landeplatzes für die nächsten götter, in der aktuellen nachbonner hauptstadt des deutsch-deutlichen wahnsinns. a.

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