der dillenburger kassenwagen

(Eine Kiersper Räuberpistole aus dem Jahr 1809)  

 

Im Sommer hatten die Halveraner uns noch beneidet, uns Kiersper. Weil wir hier jeden Baum kannten, jeden Hohlweg, der einen schnellen Kerl ungesehen von da nach dort brachte. Jetzt, im schlimmsten Winter seit zwanzig Jahren, half das auch nicht mehr weiter. Denn wir Kiersper wussten nur, dass hinter dem nächsten menschenleeren Tal noch eins kam, hinter dem nächsten zugefrorenen Weiher ein weiterer, und nach der nächsten durchfrorenen Nacht noch eine und noch eine. An Bauerntüren konnten wir nicht mehr klopfen. Natürlich waren die Bauern uns noch zugetan, schimpften hinter zugezogen Fensterläden auf Napoleon und den vierjährigen Großherzog, den er uns wie zum Hohn als Landesherren vorgesetzt hatte. Aber die Landjäger machten Jagd auf uns, und wer uns versteckte, wer uns Essen vor die Hoftür stellte oder schwieg, wenn er unsere Spuren im Schnee gesehen hatte – den knüpften sie auf.

Wir waren dreizehn. Waren vierzehn gewesen, als sie uns fast geschnappt hätten, die Dillenburger Husaren, – vier Mann mit Pistolen, glänzenden Säbeln und dampfenden schwarzen Gäulen gegen vierzehn ausgehungerte, halb erfrorene Burschen in Lumpen und mit Knüppeln.

Das heißt: Eine Pistole hatten wir auch; Johann Karthaus hatte sie, einer der Halveraner, der mit den beiden Gesenberg-Brüdern und ein paar anderen im Oktober zu uns gestoßen war. Bis dahin waren die meisten von uns auf eigene Faust durch den Herbstwald gestrichen, und manchmal wusste ich wirklich nicht, was besser war – allein beim Bauern ans Stubenfenster zu klopfen und um eine Tasse Suppe zu bitten, oder mit einem Dutzend anderer zusammen Kohldampf zu schieben und zu versuchen, gemeinsam weiter durchs Leben zu kommen. – Was man so „Leben“ nannte. Es war ja nicht viel übrig von dem Leben, das wir mal gehabt hatten. Mein Leben als Maurer, Peter Winkel als Kleinschmied – die Benninghaus-Brüder, die Schuster und Hammerschmied gewesen waren: wir hatten alle ein gutes Leben gehabt und hätten keiner Fliege was zuleide getan, wenn man uns nicht so übel mitgespielt hätte.

Aber dann hatten sie uns aus den Betten geholt, uns Kiersper, die Halveraner, auch Johann Schmale aus Meinerzhagen und den schwarzbärtigen Peter Schloeter aus Hülscheid. Zur Musterung geschleift, wo wir nackt in der Reihe standen und wo manche dick waren und manche dünn – ich selbst bin ja auch eher ein schmaler Bursche, aber stark wie ein Maurer – und wo trotzdem jeder einzelne für gut genug befunden wurde. Gut genug für die „Conscription“, so viel Französisch musste sein: Keiner sagte „Verschleppung“ dazu oder „Zwangs-Mitnahme“ oder „himmelschreiende Schande“. Verdammte Conscription! Karthaus hatten sie zum großherzoglich bergischen Chasseur-Regiment geschleppt, Jacob Weyland zur Infanterie und Gerhard Clever und Johann Schmale auch. Aber die Kerle waren nicht lange da geblieben, hatten sich dünne gemacht und uns in Kierspe und Halver nachts vor den Kneipen abgepasst und gewarnt. Deshalb hatten ich und ein paar andere gar nicht erst auf die Conscription gewartet, sondern gleich Reißaus genommen und uns in den Wäldern versteckt, wo kein Franzose uns jemals finden konnte, weil wir jedes Blatt und jeden krummen Ast kannten dort.

So war ich, Johann Peter Friedrich Keune, mit meinen neunzehn Jahren zum „Refractair“ geworden: Wieder ein französisches Wort, das für „Fahnenflüchtiger“ stand, für „Armer Teufel, den man jagen kann wie einen Hasen“, für „Bald-Toter“. Aber ich hatte ihnen das Tothauen nicht leicht gemacht, sondern mich den Spätsommer und den Herbst über ganz gut durchgeschlagen rund um Kierspe herum. Oben in Höhlen und am Arney hatte ich Schlafplätze in zwei leeren Hütehütten bezogen; die Heerstraße nach Halver gemieden und die Volme auch. Und wenn ich einen der anderen sah, – die Wälder waren voll mit „Refractairen“, Bonaparte und Großherzog Louis sei Dank! – war ich vorsichtig gewesen, dass mich keiner anschwärzte und verpfiff. Ich war nicht gesellig gewesen und auf eigene Faust am besten gereist.

Bis ich auf die Halveraner gestoßen war. Eberhard Eversberg war ihr Anführer, der gab die Richtung an und hatte große Pläne. Verstecken mussten auch die sich, aber sie wollten mehr als das. Von den Kassenwagen hatte ich bis dahin noch nie gehört; aber Eversberg wusste von fünfzig von ihnen, die durch die Lande fahren sollten, den Gemeinden – die jetzt französisch „Mairie“ hießen – Steuergelder abknöpften für Napoleons große Kriegskasse. Wagen voller Geld, die auf den immer gleichen Wegen hin und her fuhren, schwer bewacht und sehr schnell, aber doch der Dunkelheit und dem Straßenmatsch und Regen ebenso ausgesetzt wie jeder von uns. Einer der Wagen brachte seine kostbare Fracht von Dillenburg über Olpe und Meinerzhagen direkt zu uns nach Kierspe – nach Kierspe und weiter über Rönsahl und Wipperführt, über Wermelskirchen und Solingen nach Düsseldorf. Begleitet wurde der vierspännig gezogene Wagen von vier Dillenburger Husaren, und wenn man nur genug Männer zusammenbringen würde – Eversberg hatte eine bestimmte Art, „Männer“ auszusprechen, man stand stramm dabei, sogar als „Refractair“ –  dann würde man die Husaren in die Flucht schlagen und den Kassenwagen knacken wie eine Kartoffel aus dem Herbstfeuer, wo unter der schwarzen, heißen Pelle das köstlichste Gold steckte. Und das Gold würde alles leichter machen, man würde Nahrung kaufen können, Schnaps. Man würde das verfluchte Großherzogtum Berg verlassen und sich meilenweit fort ein gutes Leben leisten können. Wenn wir wollten, sogar – in Berlin!

Mit diesem Ziel vor Augen verging der Oktober wie im Flug. Wir sammelten die Deserteure und Fahnenflüchtigen ein, wo wir sie finden konnten. Wer Schmied war, machte aus allerhand Werkzeug, das wir im Dunkeln von den Höfen stahlen, einfache, aber beeindruckend gefährlich aussehende Waffen. Wer Holz bearbeiten konnte, schnitzte Stiele, Pfeile und wüste Keulen. Wir lobten uns für unsere Disziplin, unsere Abstinenz – die einfach einzuhalten war, weil uns schlicht der Schnaps fehlte.

Unser Husarenstück – wenn wir als Gegner der Dillenburger dieses Wort für uns beanspruchten konnten – war nicht der Angriff auf den Kassenwagen, sondern ein Kirchenbesuch am Tag davor. Die Tage waren schon dunkel im November, und die Margarethenkirche lag eng zwischen den Kiersper Häusern. Ein viel zu früher Schneeregen hatte über Nacht für Kälte und Nässe gesorgt, und wer nicht in der Kirche hockte, ging bei diesem Mistwetter nicht vors Haus. Deshalb bemerkte uns niemand, als wir eine halbe Stunde nach Beginn des Gottesdienstes aus den Seitenstraßen einzeln zur Kirche hinüber sickerten und – ohne dass die frierende Gemeinde auf den harten Bänken auf das Knarren der schweren Holztür achtete – leise eintraten. Ich war aufgeregt wie noch nie vorher in meinem Leben. Da saßen sie alle, die ich gekannt, lieb gehabt und verabscheut hatte in meinen kurzen Jahren in diesem Dorf – und ich betrachtete sie alle wie in einem Guckkasten, wie aus dem Jenseits, als wären wir vierzehn Männer gar nicht hier, sondern schon totgeschlagen in den Buchenwäldern am Arney und würden nur als Geister noch einmal unseren Heimatort sehen dürfen. Ich hörte kaum die Worte der Predigt, und an dem schweren Atmen der anderen im Halbdunkel um mich herum merkte ich, dass sie Ähnliches fühlten.

Schließlich läuteten über uns die beiden alten Glocken, und die Gemeinde stimmte, erleichtert, dass das Frieren jetzt ein Ende haben würde, das Schlusslied an:

„So hoff ich denn mit festem Mut
auf Gottes Gnad und Christi Blut,
ich hoff ein ewig Leben.“

Und wir vierzehn Kerle sangen – ein tiefstimmiger Chor im Rücken aller, kraftvoll, jung und voller plötzlich aufflammender Zuversicht – lauthals mit:
„Gott ist ein Vater, der verzeiht,
hat mir das Recht zur Seligkeit
in seinem Sohn gegeben.“

Noch während der letzten Strophe schoben wir uns, bevor wir aufgehalten und zur Rede gestellt werden konnten, gegenseitig hinaus in den graublauen Sonntagmorgen und gaben Fersengeld, und ich bin sicher, dass ich nicht als einziger die Augen voller Tränen hatte, auch wenn wir danach nicht darüber sprachen.

Am nächsten Morgen versuchten wir, unser „Recht zur Seligkeit“ in die eigene Hand zu nehmen.

Der Dillenburger Kassenwagen musste, um nach Düsseldorf zu kommen, die Heerstraße am Arney verlassen und an der Kierspe zugewandten Nordwestseite des Berges auf die Rönsahler Straße abbiegen. Dieses Wegstück – die lange Kurve unterm Abzweig nach Höhlen – war immer im Schatten, und allerhand kleine Quellen sorgten für knietiefen Schlamm, den wir normalerweise verflucht hätten. Heute war er unser wichtigster Verbündeter. Denn der Kassenwagen würde hier im Schritttempo fahren und konnte nicht mit galoppierendem Gespann an uns vorbeischmettern.

Johannes Benninghaus hatte aus gestohlenen Mistgabeln lange, metallgefasste Spieße gemacht; die wollten seine beiden Brüder und er dem fahrenden Wagen in die Speichen rammen und ihn so zum Halt bringen. Johann Karthaus würde mit seiner Pistole hinter einem Baum Deckung halten und die Husaren zum Absteigen zwingen. Dann würden wir anderen aus unserem Versteck hinter einem Felsvorsprung springen und die Kerle mit Knüppeln und Keulen in die Flucht schlagen. Wenn einer schießen würde, bekäme er es mit Karthaus zu tun. Aber wahrscheinlich würde schon unsere grimmige, dreckstarrende Übermacht den Männern klarmachen, dass sie gegen unser Häuflein chancenlos waren.

Ich selbst war nur dem Fußvolk zugeteilt; Eversberg – der nicht nur die Männer aus Halver, sondern auch uns Kiersper herumkommandierte wie ein Feldherr oder Räuberhauptmann – schien den Kräften, die in meinem schmalen Körper steckten, nicht zu trauen. Deshalb hockte ich mit den anderen hinterm Fels, als im ersten Licht dieses klammen, feuchten Montagmorgens der verdammte Kassenwagen nach schier endlosem Warten endlich in Sicht kam und sich wie erwartet nur langsam durch den zähen Modder auf uns zu bewegte. Eversberg, der wilde Hund, der mit seinem zerrissenen, altmodischen blauen Rock wie ein geistesgestörter Wanderprediger aussah, hatte die Stelle markiert, an der unser Überfall beginnen sollte: Er hatte auf den Weg geschissen, ein kleiner brauner Streifen in dem ganzen braunweißschwarzen Durcheinander aus Schlamm, Schneeresten und faulig schwarzen Ästen und Blättern. „Dem französischen Kaiser den Kiersper Gruß!“ hatte er höhnisch dabei gebrüllt, und wir anderen hatten beifällig gelacht, als wäre es wirklich eine Tradition hierzulande, dem ungebliebten Herrscher auf diese Weise die Honneurs zu erweisen.

Als der Kassenwagen diese Stelle passierte, ging alles sehr schnell. Die Benninghaus-Brüder traten von beiden Seiten an den Wagen heran, doch Caspar – ein Tagelöhner mit pockennarbigem Gesicht und hochrotem Kopf – wurde im Nu von einem der berittenen Husaren abgedrängt und zu Fall gebracht. Auf der anderen Wagenseite waren seine Brüder glücklicher; sie rammten ihre Spieße in die Speichen, und mit dem Blockieren des Vorderrades brach die Achse des Wagens mit einem Knall. Das Rad klappte auf die Brüder zu, der Wagen neigte sich und kippte. Das Gespann wurde schmerzhaft zurückgerissen und wieherte erschreckt auf; dann gingen die vier Pferde durch und zerrten den umgekippten Kassenwagen auf Karthaus zu, der brüllend mit seiner Pistole auf die im Kreis reitenden Husaren zu zielen versuchte.

Wir stürzten hervor und zogen Hermann Benninghaus unter dem Wagenrad hervor; doch bevor wir auf die Husaren losgehen konnten, sprang die Tür des Kassenwagens auf, und ein weiteres uniformiertes Quartett stemmte sich aus der Luke, mit dem keiner von uns gerechnet hatte. „Rückzug!“ brüllte jetzt Peter Schloeter; ein Befehl, mit dem Eversberg sicher nicht einverstanden war und dem wir trotzdem allesamt Folge leisteten. Wir ließen Kassenwagen Kassenwagen sein und rannten.

Die Husaren feuerten und erwischten den kleinen Jakob am Bein, einen Dienstboten aus Halver. Das Großmaul hatte sich noch am Vorabend mit seinem Mumm gebrüstet; jetzt jammerte er wie eine läufige Katze und schrie nach seiner Mama.

„Ihr könnt mich doch nicht hierlassen!“ bettelte er, aber wer jetzt zurückgekehrt wäre, um zu helfen, der wäre wie er den Dillenburgern in die Hände gefallen, und diese Aussicht war noch unangenehmer als die auf einen weiteren Tag und eine weitere Nacht in der Schwärze des Waldes, der hier am Arney bis hinunter an die Straße reichte und in dem wir anderen im Nu verschwunden waren.

Die Sache war entsetzlich schiefgegangen, aber es blieb keine Zeit, sich gemütlich zusammenzusetzen und darüber lange Reden zu führen. Wir zerstreuten uns und versuchten, in kleinen Gruppen möglichst schnell Abstand zwischen Kierspe und uns zu bringen, wo man die Wälder bald Baum für Baum durchsuchen würde. Ich war scheißwütend, ohne genau sagen zu können, auf wen – aber immerhin hatten wir es versucht, und dass der Kassenwagen innen nicht nur mit Gold, sondern auch mit Soldaten gefüllt gewesen war, hatte vorher keiner von uns gewusst. Trotzdem. Ich war scheißwütend. Scheißwütend.

Mich zog es ein paar Meilen das Volmetal hinunter, wobei ich die Straße mied und meist in der Abend- und Morgendämmerung die Hügelketten entlangwanderte, wo das möglich war und die Kuhpfade nicht von einem morastigen Bachlauf oder einem Steinbruch unterbrochen wurden. In Lüdenscheid hatte ich Bekannte aus der Lehrzeit, die nicht fragen würden, warum ich mich versteckte und die auch dichthalten würden, wenn sie es herausfanden. Sie bauten irgendwo einen großen Stall, und in diesem halbfertigen Mauerwerk konnte ich Unterschlupf finden. Es gab Wasser und einen kleinen Holzofen, und wenn ich nicht all zu wählerisch war, ob Eichhörnchen, Reh oder Birkenrinde auf meiner Speisekarte standen, konnte ich hier bis zum Frühling, wenn der Bauer sein Vieh auf die umliegenden Wiesen treiben würde, unterschlüpfen. Ich schlief tagsüber und bereitete abends meine warmen Mahlzeiten, wenn die Lüdenscheider ebenfalls zu Tisch saßen und die Gefahr geringer war, dass jemand draußen war und meinen Rauch roch. Ich klapperte Nachts meine Fallen ab, damit die Füchse nicht meine Beute fraßen. Und ab und zu aß ich auch einen Fuchs.

Irgendwann Ende Januar stand Carl, einer meiner Maurerfreunde, grinsend vor mir und musterte herausfordernd mein Antlitz.

„Hast Du eigentlich ein plattes Gesicht?“, wollte er wissen.

Ich verstand die Frage nicht, aber er er zog ein schmales, zerknittertes Heftchen aus der Kitteltasche, das auf einer mittleren Seite umgefaltet war, und reichte es mir.

Um ehrlich zu sein: Ich bin Maurer, und kein schlechter. Ich mauere einen runden Fenstersturz, der Jahrhunderte hält, und ich spalte Steine mit mit meinem Hammer in einer Handbewegung dort, wo ich sie spalten will. Aber das Lesen war nicht Teil meiner Maurerlehre, und für mehr als ein paar wenige Schulmonate zwischen den Erntezeiten fehlte meinem armen, früh gestorbenen Vater Johannes und meiner Mutter Maria bei sechs Kindern das Geld.

Immerhin konnte ich meinen Namen entziffern, und schon das allein jagte mir Angstschauer über den Rücken. Das Ding war ein Steckbrief, ein umfangreiches Heft mit 17 Namen und sehr ausführlichen Beschreibungen von uns allen. Offenbar hatte man den armen Jacob bös in die Mangel genommen und zollgenau jede Körpergröße, Haarfarbe und andere Eigenarten aus ihm herausgeprügelt. Carl machte sich einen Spaß daraus, mich mit der Beschreibung aufzuziehen – von einem platten Gesicht, spitzer Nase, magerem Körper aber immerhin geradem Gang war dort die Rede. Als er mir die Namen der anderen vorlas, staunte ich nicht schlecht – offenbar hatte die Gendarmerie gleich noch eine Handvoll anderer Fahnenflüchtiger zur Fahndung ausgeschrieben, die den Dillenburger Kassenwagen nicht mal aus der Ferne gesehen hatten.

Mitgefangen, mitgehangen – wenn man sie schnappte, würde man mit ihnen wohl ebenso kurzen Prozess machen wie mit uns. Wen die Düsseldorfer Druckmaschine in diesem Pamphlet verewigt hatte, der war ein flüchtliger Verbrecher, ein Vogelfreier, ob er nun viel dazu beigetragen hatte oder nicht.

In den Wochen bis zum Frühling achtete ich noch gründlicher darauf, von niemandem erkannt oder auch nur gesehen zu werden. Oft schreckte ich nachts aus dem Schlaf, weil ich von den Dillenburger Husaren geträumt hatte, die in Napoleons Auftrag auf mich Jagd machten. Doch niemand fand mich.

Den sechzehnseitigen Steckbrief nahm ich oft in die Hand und blätterte durch das schmale Heft, bis ich meinen Namen fand. Etwas war anders geworden in meinem Leben. Mein Name stand auf dem Papier, und das war in meiner alten Familie außerhalb der Kirchenbücher, die Geburt, Taufe, Hochzeit und Tod jedes Einzelnen vermerkten, noch nie geschehen. Mein Name stand auf dem Papier, und auch wenn einmal mein „magerer Körper“, die „blonden, geschnittenen Haare“ und das „platte Gesicht mit der spitzen Nase“ längst irgendwo im Sauerländer Lehm verbuddelt lagen, würde er dort noch stehen und davon zeugen, dass ich gelebt hatte in dieser gefährlichen und verrückten Zeit.

 

Johann Peter Friedrich Keune wurde im Mai 1789 als eins von sechs Kindern von Johannes Matthias Keune (1754-1804) und Maria Catharina Winkel (1760-1839) in Kierspe geboren. Er scheint die Zeit der Fahndung überstanden zu haben, denn 1814 heiratete er Maria Elisabeth Kückelhaus. Da war das Großherzogtum Berg als napoleonischer Satellitenstaat schon Geschichte; noch 1813 hatten tausende Deserteure und Fahnenflüchtige beim sogenannten „Knüppelrussenaufstand“ gegen die Zwangsrekrutierungen protestiert und sie mit Sabotageakten behindert, durch die Tausende junger Männer auch aus dem Sauerland bei verlustreichen napoleonischen Schlachten zuvor ihr Leben gelassen hatten. Nach dem Zusammenbruch der Napoleonischen Herrschaft übernahm das Königreich Preußen die Staatsgewalt. Der Steckbrief mit den Beschreibungen der siebzehn Gesuchten ist in Keuneschem Familienbesitz. 

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