das bessere leben anderswo

Ich schiebe mein Rad kaum ein paar Meter auf das umzäunte Grundstück im kleinen Wäldchen, da kommen sie schon von allen Seiten neugierig an, die Kinder. Kleine Rotznasen auf Dreirädern, auch ein, zwei Größere mit coolen Sonnenbrillen und bunt aufgemotzten Second-Hand-Fahrrädern. Schmale Plattenwege führen unter den alten Bäumen durch zum Haupthaus mit seinen Anbauten, und obwohl es Spielgeräte gibt, scheint die Hauptbeschäftigung der Kinder im Herumfahren zu bestehen.

Am Wirtschaftshaus entdecke ich zwei Erzieherinnen, junge, schlanke Frauen mit umschatteten Augen, gleichgültigen Mienen und weißer Haut. „Da müssen Sie die Heimleiterin fragen”, bekomme ich zu hören, als ich meine Frage stelle. Das Rathenower Kinderheim in Steckelsdorf-Ausbau ansehen, das Haupthaus umrunden, über das Grundstück streifen: das können sie nicht entscheiden, ob ich das darf.

Ihr Blick zeigt, dass sie sich auch nicht vorstellen können, dass jemand will, was ich will. Wen soll ein Kinderheim am Stadtrand interessieren, wer will sich den Weg durch die aufgeregt um meine Beine wuselnden Kinder bahnen – was will so einer hier?

Die Heimleiterin – zu der eins der Kinder mich stolz und wegkundig führt – ist weniger überrascht, obwohl Besuch hier offensichtlich selten ist. Sie wirbelt mit zwei älteren Mädchen in der Küche herum; hier wird mit Hilfe der Kinder wieder selbst gekocht, das ist besser und billiger obendrein. Neben der Eingangstür hängt eine Marmortafel, die zeigt, dass ich richtig bin. „Hier befand sich von 1934 bis Mai 1942 eines der 11 Hachschara-Landwerke in Brandenburg” steht da, und während die Kinder staunend mein abgestelltes englisches Faltrad umrunden, begutachte ich das Haus – die frühere Sommervilla. Siebzig Jugendliche und junge Erwachsene drängten sich einst hier im Speisesaal; im Nebenraum war eine Synagoge eingerichtet, geschlafen wurde im angrenzenden Wirtschaftshaus.

Rechterhand liegt im Wald noch immer der Froschteich; im Schilf und Morast stand damals der „Viersitzer”: Klangvoller Name für ein simples Außenklo. Zwischen der Sommervilla und der Bahnstrecke, über die heute die ICEs nach Westen donnern, lagen Felder, die Gärtnerei, Stallungen. Die Chawerim – die Jugendlichen, die hier die Hachschara, die Vorbereitung für die Auswanderung nach Palästina, absolvierten – lernten die Landwirtschaft, die ihnen in einem besseren Leben anderswo das Rüstzeug für den Broterwerb sein sollte.

Das klingt idyllisch, und lange Jahre wurde das Landwerk in Steckelsdorf-Ausbau, von Rathenow und Neue Schleuse damals noch durch weite Felder und Wiesen entfernt, auch wirklich in Ruhe gelassen. Doch mit den Kriegsjahren wuchs in Rathenow der Mangel an Arbeitskräften, und Landwerkleiter Blumenfeld kam der Zwangsrekrutierung seiner Chawerim zuvor, indem er sie an umliegende Baumschulen, Bauernhöfe und Fabriken verlieh. Die Arbeit war hart, wurde bald auf zehn, dann elf Stunden täglich verlängert, und zur Erschöpfung gesellten sich zunehmend der Hunger und die Kälte. Im Winter 41/42 sah man die Steckelsdorfer Juden in ihren feinsten Sonntagskleidern im Freien arbeiten – denn alle andere warme Kleidung war von der Gestapo konfisziert worden, und aggressive Hausdurchsuchungen dezimierten das Besitztum im zunehmend verwahrlosten Landwerk zusätzlich.

Ich umrunde die Sommervilla und freue mich. Der kleine Turm mit dem chinesisch inspirierten Zipfeldach ist noch vorhanden, den der Rathenower Maler Georg Penning (1871-1960) in den Dreißigern hier gemalt hat – vielleicht das einzige erhaltene Bild des Landwerkgebäudes, 2009 in einer Auktion an unbekannte neue Besitzer versteigert für 80 Euro. Ich stelle mich dorthin, wo seine Staffelei gestanden haben muss, und mache mein Foto.

Die Heimleiterin ist gerührt, als ich ihr den Ausdruck von Pennings Gemälde schenke; sie zeigt mir das Hausinnere, das schöne Treppenhaus, die alten Türen und Dielen. Auch heute ist das Kinderheim sichtbar ramponiert – aber gerade das Fehlen an Modernisierung und Erneuerung hat viel von dem alten Geist des Hauses erhalten, der sonst unter Rigips und PVC verschwunden wäre.

Draußen umringen die Kinder noch immer mein Faltrad, ehrfurchtsvoll wie ein glänzendes Raumschiff, ein Gefährt aus einer anderen Welt, einem besseren Leben irgendwo weit weg. Ihre Sonntagskleidung haben sie nicht an, – sicher besitzen sie gar keine. Vom Schicksal der Chawerim, die mit Beginn des Jahres 1942 allesamt abgeholt, deportiert und nahe Warschau ermordet wurden, wissen sie nichts. Die Juden aus dem Landwerk haben ihr besseres Leben, auf das sie hier unter den großen Bäumen in Steckelsdorf-Ausbau hingearbeitet haben, nicht erlebt. Den neugierigen Rotznasen, den kleinen Köchinnen und den coolen Möchtegern-Gangstern auf den bemalten Mountainbikes im Rathenower Kinderheim steht die Zukunft noch bevor, und ich klingele und winke, als ich durch das alte Tor hinausradele.