baum frisst stadt

Ein Blog ist ja der Ort peinlicher Geständnisse, deshalb: Ja, ich war das, der langhaarige Typ mit der Mundharmonika, 1979 in der Dorfdisko.

Oder Moment mal, so peinlich war das gar nicht. Mit dem von mir bemalten Bandbus (wir Berliner sagen „Wanne” dazu) tourte Olaf Maskes Band „Fliegenpilz” durch die Tanzschuppen der Provinz, es gab amtliche Gagen (hunderfuffzich Mark für den Abend, die kollektiv geteilt wurden), und olle Olaf hatte ein Sendungsbewusstsein, das den Laden zusammenhielt. Eigentlich eine schöne Zeit, auch wenn ich mit Mal- und Mundwerk immer weitaus besser war als mit Steel Guitar und Harp.


Die Texte schrieb Olaf selbst. Eigentlich war der Mann ein Neil-Young-Fan der ersten Stunde, wir alle waren das, aber von den düsteren Visionen des Kanadiers waren die Fliegenpilz-Texte weit entfernt. Wenn Post-Hippie-Euphemismus ein Genre war, dann waren wir seine Propheten. „Samenkörner sprengen den Asphalt / alles ändert sich bald” sangen wir am Vorabend der Hausbesetzerbewegung, und ganz falsch lagen wir damit nicht, auch wenn die Suffköppe in den Pampadiskotheken Olafs Gitarrensoli weitaus geiler fanden als die etwas simpel gestrickte Zukunftshoffnung.

Aber apropos Samenkörner: Ich habe endlich mal nachgesehen, was am Ufer des Landwehrkanals – am Rand meiner allmorgentlichen Joggingstrecke – nicht nur den Asphalt sprengt, sondern gleich noch den Bürgersteig verschluckt und mit daumendicken Peitschentrieben längst unausrottbar alle anderen Pflanzen zwischen Cornelius- und Lichtensteinbrücke plattgemacht hat. Es ist der Götterbaum, Ailanthus Altissima. Nie gehört? Ich auch nicht. Dabei fühlt sich das Biest seit seiner Einfuhr vor gut 130 Jahren zunehmend wohl in unseren Gefilden, und wie bei vielen Neophyten – zweihundert Meter weiter breitet sich das Drüsige Springkraut an der Straße des 17. Juni aus, und der Japan-Knöterich lauert sicher längst irgendwo im Gebüsch – sorgt der Klimawandel dafür, dass der frostscheue Götterbaum jetzt richtig loslegt.

Ich mag die Tiergartenbediensteten, die zu dritt mit laufendem Lastermotor ein Zigarettenpäuschen machen und dann wieder in die Beete stiefeln – ich mag sie wirklich, sogar morgens um sieben, halb acht, bei Nieselregen. Manche sehen aus, als hätten sie schon viel erlebt im Leben, manche scheinen hier ihren Frieden zu machen mit all dem Scheiß außerhalb dieser grünen Oase. Zerknitterte Männer, immer wieder überraschend junge Frauen, ein eingeschworenes Häufchen offenbar. Aber ob sie die richtige Streitmacht sind gegen das, was da kommt? Unter der Corneliusbrücke spitzt der Götterbaum seine Speere; die Fiederblätter spreizen sich wie zum Zupacken. Samenkörner sprengen den Asphalt – und alles ändert sich bald; alles ändert sich bald.