„Ich kann mir eigentlich meine eingene Beerdigung nicht richtig vorstellen. Wahrscheinlich ist das hier ein trauriger, dunkler Anlaß. Ich bin hinübergerutscht in irgendetwas außerhalb des Ortes, an dem Ihr jetzt noch eine zeitlang seid. Wenn wir miteinander Wein getrunken haben, war das letzte Glas das letzte Glas. Wenn wir zusammen gelacht haben, wird das Echo des Gelächters Eure Trauer kaum wegwischen können. Wenn wir zusammen gearbeitet haben, werdet Ihr zukünftig meine Fehler für mich mitmachen müssen.
Meine Frau und meine drei Söhne habe ich mehr geliebt als alles andere auf der Welt. Auch die hoffentlich-bald Schwiegertöchter und die kleine Thea haben diese Familie für mich zum Hafen und Zuhause gemacht für wundervolle lange Jahre. Sie haben mir das Gefühl gegeben, daß es bei all der Umweltzerstörung, der politischen Irrwitzigkeit, der wirtschaftlichen Vorschußleberei ein paar einfache Dinge gibt, für die sich das Weiterleben lohnt. Dinge, für die ich gern gelebt und leidenschaftlich gekämpft habe. Mitmenschlichkeit, Toleranz Fremden gegenüber, die Liebe zum Dorf und zur Natur. Leben in der Budapester Straße und in unserem Dorf in Semlin. Die Arbeit mit Tina bei ZITRUSBLAU war turbulent und anstrengend, aber nie sinnlos, nie hohl, nie gleichgültig.
Meine Freundinnen und Freunde, meine Mutter und Bruder sind oft zu kurz gekommen dabei. Trotzdem waren sie wichtig für mich wie Ampeln im Nebel. Ersatz für den oft im Alltagsstress ausgefallenen Kontakt war das sichere Gefühl, Euch zu finden, wenn wir uns brauchten.

Als Sauerländler und Wahl-Semliner zieht’s mich zur Erde hin, ich will die schwere, duftende, bröckelige Erde ganz um mich herum haben, wenn mein kühler Körper einen letzten warmen Martins-Mantel braucht. Tragt den Sarg zu meinem Grab – und dann vergesst die überflüssige Hülle. Ich selbst brauche diesen Körper nicht mehr. Was bleibt, ist nicht diese Hülle. Ein paar aufgeschriebene Worte, ein paar hingemalte Bilder – aber vor allem: Ein Leben, das randvoll war mit so schönen, so wichtigen Erlebnissen. Für Euch Übriggebliebene mag’s kurz gewesen sein, aber ich versichere Euch: Man hätte drei Leben daraus machen können, soviel war drin an Liebe und Sehen und Farbe und Klang. Es ist mir, von zwei abgrundtief verheerend untröstlich destruktiven Prozenten abgesehen, zu achtundneunzig Prozent gutgegangen. Gutgegangen auf eine hellsichtige, heitere, freiwillige Art, zu der Ihr alle hier auf die eine oder andere Weise beigetragen habt.
Deshalb: Seht nicht mit tränenschwerem Blick auf uns Tote. Handelt für die Lebenden, – lebt! Senkt nicht in Trauer den Kopf – seht Euch um, es muss und es KANN auch so viel getan werden. Lebt Euer Leben aus vollem Herzen, mit hochgekrempelten Ärmeln. Wo ich jetzt bin, werdet Ihr bald sein. Tut, was getan werden muss, vorher. Esst jede Portion Spaghetti, als ob es die erste wäre. Hört auf den Regen. Lasst Euer Auto stehen. Rettet alles, was lebt … Lebt wohl.”
-Martin

03. Juli 2012

Insektenfotos und Politik, dubiose Keramikschüsselchen vom Flohmarkt und Retro-Design der DDR, das Schreiben schillernder Romane und galliger Fußnoten, ab und zu was zeichnen mit dem Tuschepinsel: Martin Keune, Geschäftsführer der Berliner Agentur ZITRUSBLAU, hat etwas komplexe Vorlieben. Aber das ist ja das Internet hier, da dürfen noch die belanglosesten Beschäftigungen in Szene gesetzt werden.

Geht doch eh alles unter im bunten Geschnattere, hoffen wir mal.