331

„Aus Neuseeland… Ist das privat?“ will der Mann am Tresen wissen. Ich nicke.

„Und was ist da drin, hier steht … bee pollen.“

„Blütenpollen“, übersetze ich. „von Bienen.“

„Blütenpollen … von welchen Pflanzen?“

„Das müssen Sie die Bienen fragen, wo die hingeflogen sind. Die fliegen auf alles, was da ist, und streifen im Stock die Pollen ab.“

„Was machen Sie damit?“

„Das esse ich. Auf Joghurt oder im Müsli. Ist wie Honig, ein Lebensmittel.“ Er entspannt sich.

„Dann könnte das ja vielleicht nur 7% Einfuhrumsatzsteuer bedeuten, aber das sagt der Kollege an der Veranlagungsstelle Ihnen.“ Ich nicke und bekomme einen kleinen weißen Zettel. Die 331. Ich sehe hoch zur Nummernanzeige; 303 ist dran, der Saal ist voll mit Wartenden, hinter mir eine lange Schlange Neuankömmlinge, die bei jeder Frage des Beamten geächzt haben.

„Bitte warten Sie im Warteraum, bis Ihre Nummer 331 aufgerufen wird. Danke! Unter der gleichen Nummer erfolgt auch Ihr Aufruf an den Kassenplätzen.“, steht auf dem Zettel. Eine überquellende Pinwand gibt weitere Informationen: Handynutzung verboten, Fotografieren verboten, Toilette verstopft, bitte WC im U-Bahnhof benutzen. In einem Automaten gibt es Schokoriegel: Nervennahrung. An der Wand hängt ein gerahmtes Bild des Bundespräsidenten; es hängt etwas schief; die Bundespräsidenten wechseln häufig; alles andere bleibt hier gleich.

Eine Dreiviertelstunde vergeht, dann darf ich rein.

„Neuseeland,“ sagt der Mann an der Veranlagungsstelle, Platz 3, und sieht in die geöffnete Kiste mit den exotisch wirkenden Folientüten, in denen die gelben Krümel der Blütenpollen rascheln, „Blütenpollen.“ Ich nicke. „Wissen Sie, dass es eine Straße mit Ihrem Namen gibt,“ will er wissen, „Keunestraße?“

Ich schüttele den Kopf. „Aber nicht in Berlin.“„Nee, da, wo ich herkomme, in Forst bei Cottbus.“ Ich freue mich und zeige auf die Kiste mit den neuseeländischen Blütenpollen, 308 Dollar. „Sieben Prozent? Ist ein Lebensmittel.“ Er nickt. „Sollten wir hinkriegen.“

Ich muss wieder raus und warte draußen auf die Veranlagung. Er kommt nochmal hinter mir her in den Wartesaal. „Da steht: Dollar. Sind das Neuseelanddollar?“ Ich nicke. „Unbedingt!“

Nochmal eine Viertelstunde, dann kann ich rein. Dreizehn Euro Zweiundsechzig. 7% von 308 NZD zum Tageskurs. Ich zahle an Kassenplatz 8 mit einem Hunderter. „Wollen mal sehen, ob wir das wechseln können“, sagt der Mann an der Kasse. „Soviel haben Sie sicher schon eingenommen heute“, vermute ich.

Der Mann aus Forst, Platz 3, gibt mir die Blütenpollenkiste; er hat sie wieder zugeklebt. „Einen Keuneschen Kirchweg haben wir auch“, ergänzt er. Das finde ich gut. Ich muss mal nach Forst und durch Straßen gehen, die so heißen wie ich.

Den kleinen Zettel mit meiner Wartenummer 331 nehme ich mit; er ist der Beweis, dass im Zollamt Schöneberg noch alles seine Ordnung hat.